Die Wandlung der Dorfgemeinschaft in Hauset
Teil 3: Um die Jahrtausendwende von 1996 – 2010
Nach meiner Wahrnehmung kam es um die Jahrtausendwende zu einigen Brüchen in der Entwicklung der eingefahrenen Bahnen in der gesellschaftlichen oder kulturellen Gemeinschaftsbildung im Dorf Hauset, aber sicher nicht nur hier. Es war vielleicht der Beginn eines schleichenden Abgesangs alter Traditionen, der bis heute noch anhält. Vielleicht war es aber auch der Aufbruch für viele neue Initiativen und Vereine, die heute das Dorfleben mitbestimmen: Eine neue Art der Unterhaltung und des gesellschaftlichen Engagements.
Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig und ich möchte meine Wahrnehmung erklären. Ein Grund ist sicher die Entwicklung des Internets im Allgemeinen und der sozialen Medien im Besonderen, die sich etwa zeitgleich um das Jahr 2000 entfalteten. Ohne Zweifel hat die virtuelle Welt einen großen Einfluss auf das Zusammenleben der Menschen und sicher auch auf die Interaktionen in den Gemeinschaften, in unserem Fall die Dorfgemeinschaft. Alte soziale Treffpunkte wie Kneipen verschwanden, Kunst und Kultur spielen sich nicht nur in der Dorfgemeinschaft ab, denn die Mobilität scheint unbegrenzt. Die Medien üben einen großen Einfluss auf unser Verhalten aus, und die Vereine tun sich allgemein schwer, neue Mitglieder und Verantwortliche zu finden. Sportvereine etwa schließen sich zusammen, professionalisieren sich, man kann auch sagen kommerzialisieren sich. Das Ganze entwickelte sich in Hauset über mehrere Jahre rund um die Jahrtausendwende, wie ich hiernach schildern werde. Auch diese Epoche kann ich nur als Beobachter des Zusammenlebens im Dorf betrachten und nach wie vor nicht als mitwirkender Akteur.
In diesem Teil ist auch der Zeitpunkt gekommen, einen besonderen Künstler zu erwähnen, der sich in Hauset niedergelassen hatte. Es handelt sich um den weltbekannten Maler Antonio Máro. Er war mit
seiner Familie bereits 1979 nach Hauset gezogen und residiert seitdem in der Villa Bohlen, die in einer Parkanlage an der Göhl liegt. Antonio Máro mit seiner Frau Susanne Quellmalz und ihren vier
Söhnen hatten sich sehr schnell im Dorf integriert. Der kleine Ort war vielleicht noch nicht empfänglich für die große Kunst, so wie sie der bekannte Maler anbieten konnte. Die Künstlerfamilie
wurde über die Grenzen hinaus wahrgenommen, denn sie gründete in der Villa eine Kunstakademie und auch ein Kulturzentrum, welches von Máro und seinen Söhnen betrieben wurde. Zahlreiche Konzerte
und Schulungen wurden organisiert, die sowohl die Kunstszene im Eupener Land als auch Kunstfreunde weit über die Grenzen hinaus nach Hauset lockte. Das Kulturzentrum bildete ein Etappenziel der
Kunstroute der Euregio. Jedenfalls war nach meiner Wahrnehmung das Anwesen ein kleines Kunstjuwel in Hauset, wenngleich man sich wünschte, man hätte dem mehr Beachtung geschenkt. Bürgermeister
Fagnoul hatte dem Paar Ramirez-Quellmalz immerhin eine Ehrung zuteilwerden lassen und verschiedene Institutionen erwarben einige Gemälde.
Die Pfarre
Mit der Gründung des Pfarrverbandes und dem Tod von Pastor Levieux 2001 gingen verbindende Elemente zu
Kirche und Pfarre verloren. Jean Levieux war im Jahr 2000 verabschiedet worden, bereits von Krankheit gezeichnet. Er wirkte noch für kurze Zeit im Marienheim als seelsorgerischer Begleiter und
verstarb im September 2001. Der Pfarrer wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung in Hauset beigesetzt. Jean Levieux hatte 34 Jahre unser kirchliches Leben in Hauset bestimmt und begleitet,
also bis dahin auch den größten Teil meines Lebens. Ein neuer Pfarrer für St. Rochus in Hauset wurde nicht mehr eingeführt, denn im Jahr 2000 erlebten die Pfarreien des deutschen Sprachgebiets im
Bistum Lüttich die Gründung von neun Pfarrverbänden. Pfarrer im Pfarrverband Raeren wurde Pastor Peter Dries, der somit auch die
Pfarre Hauset führt.
Die Zusammenlegung der Pfarreien hatte großen Einfluss auf das kirchliche Leben. In Hauset wurde nun keine Messe mehr jeden Sonntag gelesen, schon gar nicht jeden Tag. Die Feiern zur Kinderkommunion sind noch immer ein kirchliches Fest, die Beteiligung blieb aber in großen Teilen den direkten Angehörigen vorbehalten. Taufen gibt es auf Termin, die Beisetzungsfeiern veränderten sich gänzlich. Dies ist eine Entwicklung der Zeit und des Zeitgeistes, die zu einer gewissen Entfremdung der Kirche gegenüber führt. Trotz allem bleiben aber die kirchlichen Feste noch Höhepunkte dörflichen Lebens, sei es Ostern, Pfingsten oder Weihnachten, oder auch bei Beisetzungen bekannter Personen oder zum Beispiel bei Goldhochzeiten.
Die Schule
Eine Besonderheit ist sicher, dass viele Schulkinder in Hauset bereits nach dem vierten Schuljahr die Gemeindeschule verlassen und ihren schulischen Werdegang an anderen Orten fortsetzen. Die Bindung untereinander geht dadurch ein wenig verloren. Man muss sagen, dass sich die Schulverwaltung und auch das gesamte Kollegium der Lehrerinnen und Lehrer sehr dafür einsetzt, dass die Gemeindeschule eine der wichtigsten Begegnungsstätten bleibt. Hier trifft sich ein großer Teil der Dorfgemeinschaft, denn die Einwohnerzahlen und damit auch die Schülerzahlen steigen stetig. Das Schulfest war immer eine bedeutsame Veranstaltung, an der sich nicht nur die Eltern beteiligten, sondern auch befreundete Mitbewohner und viele Ehemalige der Schule.
In diesen fünfzehn Jahren um die Jahrtausendwende, blieb in Hauset das Jugendheim eine Einrichtung, die von der Gemeinde Raeren und von der Regierung in Eupen gefördert
wurde. Der Erfolg des Jugendtreffs mag in Hauset begrenzt gewesen sein aufgrund der Besonderheiten der Bevölkerungsstruktur und dem frühen Abwandern der Schülerinnen und Schüler zu anderen,
außerhalb des Dorfs befindlichen Lehranstalten. Nur einige Jugendliche bleiben deshalb auf Dauer dem Dorf verbunden.
Um die Jahrtausendwende zählte Hauset 1475 Einwohner, 2007 waren es genau 1870. Davon hatten 781 einen belgischen Pass und 1089 einen nicht-belgischen Pass, die
meisten davon einen deutschen. Viele dieser neuen Hauseter wohnten inzwischen schon dreißig Jahre in Hauset, immerhin eine Generation.
Das Vereinswesen
Auch in den Vereinen wendete sich im neuen Jahrtausend so langsam das Blatt. Allerorts tun sich die Gesellschaftsvereine durch den Mitgliederschwund schwer, um zu überleben. Das war auch in Hauset nicht anders. Seit der Gemeindefusion hatten sich die zugezogenen Mitbürger jedoch stark in den Vereinen und Strukturen engagiert, das alleine reichte aber nicht aus.
In etwa ab der Jahrtausendwende verloren viele Traditionsvereine, wie zum Beispiel Schützenvereine oder Kirchenchöre, an Attraktivität, und das nicht nur in Hauset. Zwar hatten sich viele zugezogenen Mitbürgerinnen auch in diesen Vereinen engagiert, aber der neue Zeitgeist brachte es wohl mit sich, dass nun ein schleichender Mitgliederschwund einsetzte, vor allen Dingen weil die Jugend nicht mehr nachzog.
Die Integration der zugezogenen Mitbewohner ist im Dorf Hauset recht gut gelungen und viele haben sich in den Vereinen engagiert. Sofern es anfangs vereinzelt eine gefühlte Unterschiedlichkeit unter den Bewohnern gegeben hat, so wurde diese stets geringer. Europa war, besonders hier an der seit 1993 offenen Grenze, näher zusammengerückt. Das Schengener Abkommen war 1995 in Kraft getreten.
Im Jahr 1996 schloss die letzte Kneipe in Hauset ihre Pforten, die Kegler-Klause von Kockartz am Vestert. Dies war für die Dorfgemeinschaft ein einschneidendes Ereignis, welches nicht so schnell aufgefangen werden konnte, da nun ein sozialer Treffpunkt und ein Saal fehlten. Es dauerte länger, bis die Mehrzweckhalle als gelegentlicher Ersatz angenommen wurde.
Eine schleichende Trendwende erlebten auch die Schützenvereine nach dem Ableben von Peter Kockartz im Jahr 2002. Er war ein großer Förderer des Schützenwesens gewesen und ein organisatorisches Ausnahmetalent. Das Erbe von Peter Kockartz wurde noch lange Jahre aufrechterhalten, vor allen Dingen durch die Bünde der Schützenvereine, die er gegründet hatte, auch auf der Ebene der Gemeinde Raeren. Die Bedeutung der Tradition des Vogelschusses von der Stange war dem Sportschießen gewichen. Mit den jungen Sportschützen überlebten die Vereine von Hauset noch einige Jahre, doch bald wurden die Aussichten düsterer. Die Schützenvereine versuchten trotzdem, der Tradition verbunden zu bleiben und sei es nur mit einem Festzug aus Anlass der Kirmes oder dem Gedenken des Kriegsendes. Der St. Hubertus Flobert-Club feierte 2006 sein 50jähriges Bestehen und nutzt auch heute noch die Schießstände in der Halle und in der Sandgrube.
Unter den Vereinsaktivitäten im Dorf stachen die Veranstaltungen und die Kurse des Kreativen Ateliers Regenbogen weiterhin hervor. Das Atelier war 1985 gegründet worden und arbeitete rührig und erfolgreich mit einem stets umfangreicheren Programm. Der Verein hatte ein stets umfangreicheres Bildungs- und Freizeit-Programm mit vielen Kursen und Veranstaltungen. Jedenfalls nahmen die Hauseter auch verstärkt an diesen Aktivitäten teil und besuchten die Veranstaltungen. Auch die Zahl der Mitwirkenden AnimatorInnen wuchs ständig.
Es gab neue Initiativen und Gruppen. Seit dem Jahr 2000 hatten Inge und Mike Jacobs, die Eigentümer des von ihnen erworbenen früheren Hofs Havenith in der Stöck, einen neuen Treffpunkt aktiviert, nämlich das Kulturcafé JacobsHof. Die beiden gründeten die Hofwirtschaft zusammen mit einigen Freunden als Verein und schufen einen Ort des gelegentlichen Verweilens. Sie bieten regelmäßig Kulturevents an, für Einheimische, für Freunde, für Gäste aus der Region und auch für die Fans der dort auftretenden Künstler. Die Begegnungsstätte JacobsHof hat Hauset um einen Anziehungspunkt reicher gemacht und leistet einen wichtigen Beitrag zum sozialen und kulturellen Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft.
Ein weiterer Verein entwickelte in den früheren Zollgebäuden am ehemaligen Grenzübergang Köpfchen viele neue Aktivitäten und Veranstaltungen, vor allen Dingen im Bereich Kunst und Kultur. Kunst und Kultur am Köpfchen (KuKuK) war im Jahr 2002 gegründet worden und gewann nach und nach an Bedeutung. Die Gemeinde Raeren hatte dem Verein das alte belgische Zollhaus überlassen, sozusagen als Keimzelle für die Aktivitäten. Mit viel Aufwand wurde ein Roter Steeg zwischen dem belgischen und dem deutschen Grenzhaus über die Grenze hinweg errichtet. Wenn auch einige Aktive aus Hauset und ganz Raeren mitwirkten, so hatte man den Eindruck, als ob das Programm zunächst nicht so recht die Aufmerksamkeit der Hauseter Bevölkerung erreichte. Das hat sich im Laufe der Jahre geändert, es besteht aber noch Luft nach oben.
Neben den Schützenvereinen blieben im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts auch die Sportclubs recht aktiv, sowohl der FC Gut Schluck wie auch der etwas weniger auffällige Hauseter Sportverein. Ich glaubte festzustellen, dass die Bindung zur Dorfgemeinschaft aber etwas nachließ und hauptsächlich durch die Alt-Mitglieder aufrechterhalten wurde. Bereits seit den frühen 1990er Jahren (1992) organisiert der F.C. Gut Schluck im September oder Oktober eines jeden Jahres ein Oktoberfest mit Musik, viel Bier und etwas weniger Tanz. Dieses Fest entwickelte sich zu einem Event mit Kult-Status, an dem bis zu 1000 Teilnehmerkarten verkauft werden, auch für Gäste weit über Hauset hinaus.
Der Kegelsportclub “Brett rein” Hauset war weiterhin aktiv in den Ligen des Kegelsports in Ostbelgien. Er konnte erst wieder 2003 an die Siegesserien anknüpfen, als Petra Kockartz bei den 8. Weltmeisterschaften auf Scherenbahnen drei Bronzemedaillen holte. Allerdings ist auch hier anzumerken, dass die Hauseter Bevölkerung dem Ganzen nicht mehr die gleiche Neugier und Begeisterung wie in den vorherigen Jahrzehnten entgegengebrachte, was wohl auch an der soziologischen Entwicklung der Bevölkerung lag.
Der Verkehrsverein Hauset hielt in den Jahren um die Jahrtausendwende einen engen Bezug zur Schule, zu den Vereinen und zur
Zivilbevölkerung aufrecht. Durchgängig organisierte er im August die Kirmes, wobei es zunächst noch gelang, Schausteller in den Ort zu locken. Aber die älteren Kinder und Jugendlichen zog es
nicht mehr so sehr zur Kirmes, sodass auch die Fahrzeuggeschäfte fernblieben. Danach wurde die Gestaltung dieses Festes einigen Vereinen und der Schule überlassen. Auf Anregung von Erich Kockartz initiierte der Verkehrsverein die Beschriftung und Anbringung der gelben Schilder für die alten Flurnamen, die kreuz und quer im Dorf die Flure
markieren. Die Wanderwege, insbesondere die Göhlpromenade, wurden durch den Verkehrsverein als touristische Highlights bekannt gemacht, neuen Wanderwege wurden erschlossen und mit
Markierungen versehen. Sie sind heute auch digital einsehbar.
Der vierte Teil beschäftigt sich mit den Jahren nach 2010.

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