Hermann-Niermann-Stiftung von 1981-1984

3. Die Hermann Niermann Stiftung von 1981 - 1984

 

Im vorherigen Kapitel habe ich die Gründungsphase der Hermann-Niermann-Stiftung von 1978 bis 1980 bereits beschrieben. Ich möchte an dieser Stelle zunächst den belgischen, gemeinschaftspolitischen Rahmen noch einmal erläutern, da ich in diesen Entwicklungen selbst „gefangen“ war. 

 

Der lange Marsch durch die Staatsreformen

Insgesamt gab es in der Zeit von 1970 bis 2011 sechs Verfassungsreformen in Belgien,  die zu einem Umbau des Einheitsstaates zu einem Bundesstaat führten. 

 

Mit der Verfassungsreform von 1970 wurden die drei Kulturgemeinschaften ins Leben gerufen, die niederländische, die französische und die deutsche. Ich war zu dieser Zeit Student in Lüttich, Guillaume (Willy) Schyns war der dominierende Politiker in Ostbelgien (in Lüttich trat er als Guillaume auf). Das deutsche Sprachgebiet bestand noch aus 25 Gemeinden. Wie bereits oben beschrieben, war ich seit 1. Januar 1971 Gemeinderatsmitglied in einer dieser Gemeinden und zwar in Hauset. Als Folge der ersten Verfassungsreform entstand in Deutschostbelgien ein neues Verfassungsorgan, der „Rat der deutschen Kulturgemeinschaft“ (RdK). 

 

Die zweite Verfassungsreform fand 1980 ihren Abschluss. Die Kulturgemeinschaften wurden zu „Gemeinschaften“. Dies geschah, damit sich die Gemeinschaften neben den kulturellen Angelegenheiten auch mit personenbezogenen Angelegenheiten wie Gesundheit und soziale Unterstützung befassen konnten. Demnach hießen diese drei Gemeinschaften ab 1980: die Flämische Gemeinschaft, die Französische Gemeinschaft und die Deutschsprachige Gemeinschaft. Diese Gemeinschaften erhielten jeweils einen Rat und eine Regierung. Die deutsche Kulturgemeinschaft wurde also, zum Leidwesen vieler Mitglieder der Autonomiebewegung und Bürger schlechthin, zur ‚deutschsprachigen‘ Gemeinschaft degradiert. Positiv war zumindest, dass wir als gleichwertige Gemeinschaft anerkannt wurden. Bei der Gründung der Regionen wurden die 25 Gemeinden nicht berücksichtigt. Denn mit der Staatsreform von 1980 wurden nur zwei Regionen gegründet: die Flämische Region und die Wallonische Region (die Region Brüssel entstand erst durch die dritte Staatsreform). Auch die Regionen haben einen Rat und eine Regierung. Leider wurde Deutschostbelgien keine eigene Region, sondern der Wallonischen Region zugeschlagen.

 

Die 25 Gemeinden (ab 1977 neun Gemeinden), die sich zu einer einzigen Region zusammenschließen wollten, wurden integraler Bestandteil der Wallonie, trotz der Kampagne der damals aktiven Partei PdB: „Deutschostbelgien Teil der Wallonie? Nie!“. Die bereits erhaltenen Befugnisse blieben natürlich in der Zuständigkeit des Rates der deutschsprachigen Gemeinschaft (RdG), über weitere Befugnisse musste nun allerdings mit den Körperschaften der wallonischen Region gerungen werden. Dieser Kampf erstreckte sich über das ganze Jahrzehnt bis hin zur dritten Verfassungsreform 1988-1989. Während Brüssel nunmehr als dritte Region institutionalisiert wurde, ging die deutsche Gemeinschaft erneut leer aus, sie wurde keine eigenständige Region. Die Anstrengungen der frühen achtziger Jahre waren dennoch nicht vergeblich. 

 

Mit der dritten Staatsreform wurden jedoch die Kompetenzen der Gemeinschaften erweitert, auch die der deutschen (offiziell „deutschsprachigen“) Gemeinschaft. Auch die Regionen wurden gestärkt. Der Zentralstaat wurde also immer schlanker. Der Deutschsprachigen Gemeinschaft gelang es später schrittweise, bestimmte Kompetenzen von der Wallonischen Region zu übernehmen, eine Entwicklung, die sich über mehrere Jahre fortsetzte und auch heute noch nicht abgeschlossen ist, zumindest wenn man den politisch Verantwortlichen Glauben schenken mag. 

 

Mit der vierten Staatsreform (1993-1994), sollte der Umbau des belgischen Staates vorläufig abgeschlossen sein. Offensichtlich ist der Umbau des belgischen Staates allerdings nie abgeschlossen, kamen doch 2001 und 2012 eine fünfte und eine sechste Reform hinzu. Dabei gelang es der deutschen Gemeinschaft zwar, immer mehr Kompetenzen an sich zu ziehen, es reichte aber bisher nicht, um den Status als Region, der vierten Region, zu erreichen.

 

Schauen wir uns die Entwicklung in Deutschostbelgien an. Der durch die Verfassungsreform von 1970 vorgesehene Rat der deutschen Kulturgemeinschaft (RdK) wurde am 23.10.1973 eingesetzt. Die Zusammensetzung des RdK im Jahr 1973 erfolgte nicht durch Direktwahl, sondern wurde abgeleitet von den Ergebnissen der letzten Wahlen zum Föderalparlament. Am 10.3.1974 fand die erste Direktwahl statt. Die Partei der deutschsprachigen Belgier (PdB) erhielt damals 25,4 % der Wählerstimmen, 15,1 % der Wahlberechtigten wählten weiß oder ungültig. Bei den darauf folgenden Wahlen 1977 hatte es für die PdB 29,4 % der Wählerstimmen gegeben, es wählten 14,4 % weiß oder ungültig. Ein Jahr später, am 17.12.1978 wurde erneut gewählt und diesmal erzielte die PDB 30,1%, das höchste Ergebnis das je für die Autonomiebewegung erreicht wurde. Die anderen Parteien lagen bei 41,4% für die CSP, 16,5% für die PFF (die Liberalen) und 12,1% für die SP (Sozialisten). Drei Jahre später, am 8.11 1981, gab es für die PdB erneut 29,4 % der Stimmen, es blieb bei 15 % Weißwählern. Die CSP verlor Stimmen zu Lasten der Liberalen, sie erhielten 34,7% respektive 24,5% und die SP 11,4% der Stimmen. Man kann diese Ergebnisse wohl so interpretieren, dass etwa 30% der Wähler sich für eine weitergehende Autonomie einsetzten. Wenn man weiter bedenkt, dass zu dieser Zeit die drei sogenannten „nationalen“ Parteien sich eher als Bremse in den Autonomiebemühungen profilierten mit zum Teil unbegreiflichen Erklärungen, und nur die PdB nach eigenem Bekunden als „treibende Kraft“ agierte, so war dieses Ergebnis nicht ausreichend, um eine vollkommen ebenbürtige Stellung der deutschen Gemeinschaft im belgischen Staatsgefüge zu erreichen. Die Meinungen der Parteien änderten sich zwanzig Jahre später, da die Mehrheit sich für eine gleichwertige vierte Region aussprach und bereit ist, die Kompetenzen einer Region auf jeden Fall selbst übernehmen zu wollen.

 

Noch einige Eckdaten zur PdB, auch für solche Leser dieser Chronik, die nicht vertraut sind mit den politischen Entwicklungen in Belgien. Die Partei der deutschsprachigen Belgier (PDB), die im Dezember 1971 gegründet wurde, ist die Regionalpartei des deutschen Sprachgebiets in Belgien und aus der christlich-sozialen Tradition entstanden. Vorläufer der Partei war die Christlich Unabhängige Wähler-Union (CUW). Das Hauptaugenmerk der PDB gilt der Verteidigung der Identität der Bevölkerung des deutschen Sprachgebiets in Belgien. Die PDB versteht sich als demokratisch, pluralistisch, föderalistisch und sozial. Sie strebt die vollständige Gleichstellung des deutschen Sprachgebiets Belgiens im föderalisierten Belgien auf politischer, sozialer, wirtschaftlicher, administrativer und kultureller Ebene an. Dabei stellt sie die Zugehörigkeit des deutschen Sprachgebiets zum belgischen Staatsgefüge nicht in Frage, betrachtet aber die Zugehörigkeit des deutschen Sprachgebiets zur Wallonischen Region und zur Provinz Lüttich nur als eine gesetzliche Tatsache, für deren Abänderung sie eintritt.

 

Diese Beschreibung entnehme ich verschiedenen Veröffentlichungen und Programmen der Partei. Sie stellt in keiner Weise eine offizielle Verlautbarung dar. Die PDB versteht sich demnach als pro-europäisch, fordert allerdings demokratischere Strukturen auf Ebene der Europäischen Union und ein Europa der Regionen, im Gegensatz zu einem Europa der Nationalstaaten. Die PDB ist Mitglied der Europäischen Freien Allianz (EFA) sowie der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen (FUEV).

 

Wichtig ist auch festzuhalten, dass die PdB in den Jahren 1971-1981, also in der Zeit der ersten und zweiten Staatsreform, einen maßgeblichen Beitrag zur Bildung der Körperschaft der heutigen Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens geleistet hat, und sie an deren weiteren Entwicklung noch einige Jahre führend beteiligt war. Allerdings ging ab den Wahlen 1986 ihr Stimmenanteil dramatisch zurück, zunächst auf 20 % der Wählerstimmen. Dies lag wohl auch daran, dass die anderen Parteien, nun nach erfolgreich vollzogener Staatsreform, die Früchte ernteten von dem, was die PdB gesät hatte. Die Gemeinschaftsbefugnisse waren, gleichwertig zu anderen Gemeinschaften, der Gebietskörperschaft zugeteilt worden, zunächst dem Rat der deutschen Kulturgemeinschaft (RdK) ab 1973, später dem Rat der deutschsprachigen Gemeinschaft (RDG) ab 30.1.1984. Dieser Rat heißt 2012 offiziell Parlament der deutschsprachigen Gemeinschaft (PDG). Der Stimmenanteil der PDB sank in den Jahren 1990 bis 2004 weiter von 15 % auf 11,7 %, die Partei hat sich dann auch im November 2009 aufgelöst. Etwa zur gleichen Zeit wurde die neue Wählergemeinschaft ProDG gegründet, die 17,5 % erzielte. Bei den Wahlen in 2014 erzielte sie 22,2 % der abgegebenen Stimmen und wurde damit zweitstärkste Kraft hinter der Christlich Sozialen Partei 24,8 % der Stimmen erhielt. 2019 schließlich war ProDG mit 23,3% knapp vor der CSP mit 23,1%.

 

Aber nun zurück zur Hermann-Niermann-Stiftung.

 

Unterstützung für die Autonomiebewegung

Im Trubel dieser turbulenten Zeit zwischen 1978 und 1980 wurde es in der Tat notwendig, die Autonomiebewegung zu stärken. Diese Argumente trug ich auch dem Stifter Hermann Niermann vor. Er war, wie bereits erwähnt, doch einigermaßen gut informiert über die politischen Entwicklungen in Belgien. Die Eigenständigkeit des deutschen Sprachgebiets in Belgien wollte er fördern, deshalb war er auch bereit, finanzielle Mittel hierfür zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig scheute er nicht davor zurück, mich auch nachts anzurufen mit dem Hinweis, ich solle doch an den König schreiben, dass das Gebiet Eupen-Sankt Vith, so nannte er es, „unter die Krone gestellt werden müsse“. Wir haben seitens des Volksgruppenrats auch an das Kabinett des Königs geschrieben, ein Schreiben dahingehend lautend, dass das deutsche Sprachgebiet im Rahmen der Verfassungsreform nicht Bestandteil der Wallonie werden solle.

 

Dies geschah in etwa zwischen 1978 und 1982. Richtig ist ja festzustellen, dass die Bemühungen trotzdem nicht erfolgreich waren. Die 25 Gemeinden, inzwischen zu neun Gemeinden zusammengewachsen, wurden keine eigene Region, schlimmer noch, die Gemeinschaft wurde zur Sprachregion abgewertet, zumindest im Namen, und war somit nicht den beiden anderen Gemeinschaften gleichgestellt. Im Verein hofften wir noch auf eine dritte Staatsreform die noch kommen sollte, um das Ziel einer vierten Region doch noch zu erreichen.

 

Die Existenz der Stiftung hatte sich nun langsam herumgesprochen, auch durch eine Anzeige in der Presse, wo ein Verein Studienbeihilfen für Studenten anbot für den Fall des Besuchs einer deutschen Universität. Hierbei spielten Dr. Rudi Pankert und Dr. Hubert Funk, beide aus Eupen, eine wichtige Rolle.

 

Auf Anregung von Dr. Rudi Pankert und auch von Dr. Hubert Funk wurden nämlich noch weitere Förderungsfelder eröffnet. Da war zunächst die Erwachsenenbildung. Das InED (Institut für Erwachsenenbildung im deutschen Sprachgebiet) war gerade gegründet worden. Dieses Institut für Erwachsenenbildung sollte in den kommenden Jahren in den Genuss von Fördermitteln kommen. 

 

Des Weiteren baute das Förderungswerk V.o.E. ein System für Studienbeihilfen auf, die wiederum über ein Förderungswerk in der Schweiz ausbezahlt wurden. Die Stipendien wurden öffentlich ausgeschrieben und sollten den Studenten zugutekommen, die an deutschsprachigen Universitäten studierten. 

 

Bald war es auch soweit, dass in Belgien die ersten freien Radiosender entstanden, zunächst noch heimlich, danach aber auch als anerkannt freie Einrichtungen. Somit wurden Radio Aktivität in Eupen und Radio Hermann in Sankt Vith gegründet. Einzelförderungen gab es in der Form, dass Dr. Funk zum Beispiel auch einzelnen Geistlichen, die als Präses verschiedener Einrichtungen aktiv waren, diese Fördergelder zukommen ließ, so zum Beispiel Pfarrer Schomus (Rocherath) oder Pfarrer Dederichs (Eynatten). Die Gründungen von Kreativen Ateliers in Kelmis und Raeren hingegen scheiterten mangels Personal, die in Büllingen und Bütgenbach erhielten kleinere Zuwendungen. Auch gab es eine Anfrage zur Förderung der Agora Theaterwerkstatt Sankt Vith. 

 

An dieser Stelle ist es vielleicht interessant zu schildern, wie derartige Förderungen aussahen. Der Stifter Hermann Niermann war gleichzeitig Vorstand der Stiftung, er alleine entschied über die Mittelverwendung und er alleine hatte auch die Vollmacht über die Konten. Margarete Sänger war auch schon über siebzig Jahre alt, sie war stellvertretender Vorstand, spielte aber in diesen Jahren keine Rolle und nahm auch nicht an den Kuratoriumssitzungen teil. Gelegentlich unterzeichnete sie aber die Überweisungsträger. Diese Sitzungen fanden einmal im Jahr statt, zumindest kann ich mich nicht erinnern, dass diese vor 1985 mehrmals im Jahr stattgefunden hätten.  In den Jahren 1978-1984 trug ich für Eupen-Sankt Vith die verschiedenen Anträge vor, während dies für Südtirol durch Dr. Burger geschah. Nachdem Dr. Funk Kuratoriumsmitglied geworden war setzte er sich für die Anträge und die Mittelverwendung für das Elsaß ein. Die Abrufe bei Herrn Niermann erfolgten durch mich, die Überweisungen gingen auf den bereits genannten beiden Konten ein.

 

Auf diesen Kuratoriumssitzungen, den Vorsitz hatte zunächst Prof. Dr. Freiherr von der Heydte, wurde aber viel über die Geschäftsführung der Stiftung selbst diskutiert. Die Liegenschaften und Immobilien waren sämtlich renovierungsbedürftig, jahrzehntelang hatte Herr Niermann nichts getan oder tun wollen, um Abhilfe zu schaffen. Ich glaube dies überstieg auch die Fähigkeiten, die er vor allem im Hinblick auf sein Alter und seine langsam fortschreitende Krankheit zur Verfügung hatte. Alleine der Wiederaufbau eines Trümmergrundstücks in der Graf-Adolf-Straße 65 war eine Mammutaufgabe. Auch mit der Firma Horten schwelte ein Dauerstreit wegen der Höhe der Mieten für das Horten-Haus. An vielen anderen Stellen, so in der Immobilie Flurstraße in Düsseldorf gab es permanent Streit, entweder, weil Mieter in menschenunwürdigen Behausungen lebten, oder weil Schäden entstanden, die behoben werden mussten, auch aufgrund städtischer Auflagen. Deshalb mussten oft auf der Sitzung des Kuratoriums Entscheidungen getroffen werden, welche mit der Verwaltung der Liegenschaften zu tun hatten. Die Vorschläge für die Mittelverwendung im Sinne des Stiftungszwecks wurden stets einstimmig vom Kuratorium bestätigt und in dem Budget festgehalten. Damit war aber noch lange nicht erreicht, dass diese Mittel auch zur Auszahlung kamen. Zum einen war es ein sichtbares Bemühen des Stifters, die Mittel zur Erfüllung des Stiftungszwecks so klein wie möglich zu halten. Aus diesem Grund wurden immer hohe Rücklagen für „Gebäudesanierungen“ gebildet. Dies war ja an sich sehr weitsichtig, nur kam es zumindest in den ersten Jahren zu keinerlei Investitionen. Es war wohl einzig der Druck, dass bei keinerlei Ausgaben der Stiftung für die Erfüllung des Stiftungszwecks die Gefahr drohte, die Gemeinnützigkeit zu verlieren, mit der man Herrn Niermann zur Auszahlung bewegen konnte. Deshalb gelang es gerade mir als einem Mitglied des Kuratoriums meist, vor allen Dingen gegen Jahresende, den Stifter zu bewegen, Zahlungen auszuführen. Dr. Burger gelang dies auch, trotz Beraterstatus aber weniger. 

 

Für Eupen-Sankt Vith gingen diese Zuwendungen auf das Konto des „Vereins zum Schutz und Pflege der Muttersprache“, einem Konto des „Rates der deutschen Gemeinschaft V.o.E“, sowie auf das Konto des „Förderungswerks V.o.E.“, einer Vereinigung, die 1979 gegründet worden war, um gerade die Mittel der Stiftung zu verteilen und zu verwalten. 

Die Sitzungen fanden im Dachgeschoss im 2. Stock des Gebäudes Goltsteinstrasse 22 statt. Dr. Burger sorgte für Getränke und gelegentlich auch für Brötchen mit Knackwürstchen. Dies war aber nicht immer der Fall. Die Sitzungen selbst dauerten 2 - 3 Stunden und wurden mit einem Protokoll abgeschlossen welches von Dr. Burger verfasst wurde. Vieles was die Verwaltung anging trug Dr. Burger vor, mit Unterstützung von Herrn Niermann. Was die Förderungsmaßnahmen betraf, so kamen die Anträge und Berichte für Südtirol von Dr. Burger, die von Eupen-Sankt Vith von mir und ab 1980 die für das Elsass von Dr. Funk. Die „Düsseldorfer“ mischten nur in den Diskussionen um Immobilien und Grundstücke kräftig mit.   

 

Wie im vorherigen Kapitel berichtet, war die Mittelverwendung in den Jahren 1978 und 1979 mit 240.000 DM und 340.000 DM eher gering im Verhältnis zum tatsächlichen Ertrag der Stiftung. Dies änderte sich ab 1980, als die Mittelverwendung schon fast 800.000 DM betrug. Sie ging in 1982 noch einmal um die Hälfte zurück, lag in den beide Folgejahren wieder bei etwa 800.000 DM.

 

Entsprechend schwankten auch die Zuteilungen für Eupen-Sankt Vith, was mich veranlasste, durch verstärkte Abrufe „sanften Druck“ gegenüber dem Stifter aufzubauen. Eine Ausschüttung von nur 400.000 DM im Jahr für die gesamte Stiftung wäre nämlich tödlich gewesen, wenn es zu einer erneuten Betriebsprüfung hätte kommen sollen, zumal auch die Rückstellungen bisher keineswegs zu Investitionen genutzt wurden. Auf den Vereinskonten sammelte ich die Zuwendungen, um somit den regelmäßigen finanziellen Verpflichtungen, vor allen Dingen gegenüber dem InED, auch erfüllen zu können. 

 

Einige Vorgänge in der Hermann-Niermann-Stiftung

Im Januar 1980 verstarb das Kuratoriumsmitglied Dipl.-Ing. Hans Grassl. Auf der Kuratoriumssitzung vom 27.02.1980 wurde Dr. Hubert Funk als Nachfolger von Hans Grassl zum Kuratoriumsmitglied gewählt. Dr. Funk aus Eupen, der Gründer des „Deutschostbelgischen Hochschulbundes“  hatte sich gemeinsam mit Dr. Rudi Pankert sehr um die Verwirklichung von Förderprojekte bemüht und deshalb vielleicht mit mir den größten Einblick, wie die Stiftung wirken konnte. Mit einigen anderen Personen waren wir beide auch zu dieser Zeit im Vorstand des Volksgruppenrats und Dr. Funk gehörte auch zum Redaktionsteam des „Wegweiser“, dem Organ des Vereins. Gleichzeitig hatte Dr. Funk aber auch viele Kontakte nicht nur in Belgien sondern auch ins Elsass, insbesondere zu Pfarrer Keppi, der in Hagenau die Zeitschrift „Land un Sproch“ herausgab und im René-Schickele-Kreis wirkte. Deshalb bot sich Dr. Funk an, um als Promoter des Gebietes Elsass-Lothringen in das Kuratorium bestellt zu werden. Ich konnte die Zustimmung von Herrn Niermann erhalten, er bekundete für das Elsass durchaus  Interesse, insbesondere für die Sprachförderung.

 

Ein Jahr später schied 1981 auch das Kuratoriumsmitglied Dr. Merkel auf eigenen Wunsch aus dem Kuratorium aus. Er hatte von Anfang an keine Lust, sich mit Herrn Niermann und dessen Verhalten auseinanderzusetzen. So gerieten sie schnell in Streit, auch über Kleinigkeiten. Diesmal empfahl Dr. Burger einen Kandidaten für die Mitgliedschaft im Kuratorium, nämlich Wilhelm Norhausen, Juwelier aus Düsseldorf. Herr Niermann hat diesen Kandidaten bestätigt und zum Kuratoriumsmitglied ernannt. Ich hatte damals keinerlei genauen Kenntnisse wer dieser Wilhelm Norhausen war, auch kannte ich seine Gesinnung nicht. Von seiner geistigen Nähe zu Dr. Burger war mir nichts bekannt. Erst später habe ich ihn natürlich besser kennengelernt, und auch aus den veröffentlichten Berichten mehr über seinen Lebenslauf und den seiner Familie erfahren. 

 

In Deutschostbelgien erhielt das InED ab 1980 und 1981 einen immer größeren Anteil der Förderungen. Zusätzliche Anträge wurden allerdings gestellt für Autonomiekampagnen, Wahlpropaganda und vor allen Dingen Öffentlichkeitsarbeit und Pressearbeit.  

 

Abgesehen von der Tatsache, dass hier ja hervorragende Arbeit geleistet wurde, war bei der ganzen Sache ein Haken, der mich während all der Jahre, von 1978 bis zum Tode von Herrn Niermann 1985 immer mehr  belastete: die sporadischen Auszahlungen der Fördermittel durch Herrn Niermann. Das InED beschäftigte nämlich einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die natürlich auf monatliche Zahlungen angewiesen waren. Deshalb hatte ich bereits ab 1981 begonnen, aus den verschiedenen Abrufen die sich gegen Jahresende häuften, auch einen Teil zurück zu halten für die kommenden Monate. 

Auch Zuwendungen die für das Elsass bestimmt waren, wurden ebenfalls angesammelt und bei Bedarf auch manchmal für Eupen-Sankt Vith verwendet. Es führte dazu, dass die im Haushaltsentwurf genannten Anträge nicht immer deckungsgleich waren mit den tatsächlichen Abrufen und Ausgaben. Dieser Punkt sollte in den späteren Auseinandersetzungen in und um die Stiftung noch von Bedeutung sein. Dies betraf auch mich selbst, da gegen mich der Vorwurf erhoben wurde, die genaue Verwendung der  Fördermittel nicht beachtet und den Nachweis über die Verwendung nicht erbracht zu haben.  

 

In den drei ersten Jahren von 1978 bis 1980 etwa hatte sich die Förderung für Eupen-Sankt Vith hauptsächlich auf die Unterstützung des Volksgruppenrats sowie des Instituts für Erwachsenenbildung (InED) in Eupen konzentriert. Ebenso wurden zur Unterstützung der Partei der deutschsprachigen Belgier (PdB) anlässlich der Wahlkämpfe 1978 und 1981 Mittel aufgebracht. Die Übergabe der Mittel fand entweder durch Überweisung statt oder 

auch in bar, ohne Quittung, was ja später vom Wirtschaftsprüfer beanstandet wurde.   

 

Ich selbst hatte mir vor allen Dingen in diesen Jahren sehr viel Mühe gemacht, alle Ausgaben akribisch zu belegen. Ich hatte diese Buchführung auch stets zu den Kuratoriumssitzungen mitgenommen, allerdings interessierte sich der Stifter nicht dafür, selbst nicht für Erläuterungen. Vielmehr interessierte er sich für die Entwicklung in Belgien im Rahmen der Verfassungsreform. Ich hielt ihn hier stets auf dem Laufenden, von Jahr zu Jahr, denn die Staatsreform nahm ja mehrere Jahre in Anspruch. In den Jahren zwischen 1981 und 1985 habe ich dann keine Abrechnungen zu den Kuratoriumssitzungen mehr mitgenommen, als Belege dienten mir die Kontenauszüge der beiden Konten. Über die Verwendung berichtete ich kurz, es war mehr ein Statusbericht über die Entwicklung der Autonomiebemühungen in Belgien. Dr. Funk berichtete über das Elsass. Natürlich führte ich die Ausgaben und die Mittelverwendung für den Volksgruppenrat in einem Kassenbericht genauestens auf, aber das interessierte in Düsseldorf auch niemanden. Zweimal fand dann auch eine Kuratoriumssitzung in Deutschostbelgien statt, einmal bei mir zu Hause in Hauset und einmal, zwei Jahre später in den Räumen des InED in Eupen. Anlässlich der Sitzung in Hauset weilte auch Freiherr von der Heydte in Hauset und übernachtete in dem privaten Gästezimmer der Familie. Ich habe ihn bei dieser Gelegenheit etwas näher kennengelernt, geredet wurde aber überwiegend über seinen Einsatz im Rahmen der Runstedt Offensive. Meine Frau Elka hatte ein Essen mit Rührei vorbereitet, was Herrn Niermann vorzüglich mundete. Wir konnten auch Radio Hermann hören, mit dessen Förderung bzw. mit dessen Aufbau ich gerade begonnen hatte. 

 

In jedem dieser Jahre hatte ich vielleicht ein oder zwei, später manchmal auch drei Treffen mit Dr. Burger. Anlässlich eines Familienurlaubs in Österreich und Norditalien 1980 besuchte ich ihn in Kirchberg am Wechsel und wir hatten uns dort drei Tage bei der Familie Burger aufgehalten. Meine beiden Söhne waren noch sehr klein, Reinhard war gerade geboren. Was ich bereits in den ersten Jahren bemerkt hatte, es bestand ein gewisser Widerspruch zwischen dem, was Dr. Burger als Fördermaßnahmen im Kuratorium vorschlug, und dem was zumindest zum Teil wohl offensichtlich mit dem Geld gemacht wurde. Während ich von meiner Seite eine Autonomiekampagne als solche auch erläuterte und die Ergebnisse dokumentierte, konnte dies bei den Projekten in Südtirol nicht so eindeutig erkannt werden. Bei meinem Besuch in Österreich kam aber deutlich zur Sprache, dass auch in Österreich politische Arbeit finanziert wurde, ganz ohne Zweifel. Viele dieser Einzelheiten sind später auch im Bericht des Sachwalters Dr. Tondorf wiedergegeben, oder auch im Untersuchungsbericht des Parlaments der deutschsprachigen Gemeinschaft zur Hermann-Niermann-Stiftung. Deshalb möchte ich an dieser Stelle nicht nochmal darauf eingehen.

Was allerdings einer Erklärung bedarf, ist mein Verhältnis zu Dr. Burger, zunächst einmal in dieser Zeit, in den Jahren 1981 bis 1985. Wie gesagt trafen wir uns außerhalb der Sitzungen vielleicht ein oder zweimal im Jahr, meist zur Vorbereitung der Kuratoriumssitzungen oder auch, weil es andere Probleme gab, die in Düsseldorf im Rahmen der Verwaltung des Stiftungsvermögens anstanden. Er war ja auch nicht ständig in Düsseldorf. Es war keine Freundschaft und auch keine Kumpanei. Es war höchstens ein Zweckbündnis.

Im Jahr 1981 kam es zu einer ersten Betriebsprüfung der Abschlüsse der Stiftung und zwar für die Jahre 1978-1980. Da kein Geschäftsführer für diesen „Millionenbetrieb“ vorhanden war, lag es an Dr. Burger während seiner unregelmäßigen Anwesenheit in Düsseldorf, die Buchführung auf Vordermann zu bringen. Anfangs wurde er hier durch Frau Sänger unterstützt, aber später immer weniger. Jedenfalls sprachen sowohl Dr. Burger als auch ich mit dem Prüfer und standen zu allen Ausgaben zur Erfüllung des Stiftungszwecks Rede und Antwort. Dabei habe ich in Erinnerung, dass ich für Eupen-Sankt Vith (so war der Budgetposten) alle Ausgaben erläuterte, inklusive der Autonomiekampagnen im Rahmen der belgischen Verfassungsreform. Der amtliche Prüfer hat das nicht beanstandet. Somit ging die Betriebsprüfung nicht nur zufriedenstellend aus, ich hatte auch nicht den Gedanken, dass die Stiftung illegal agierte. Vielmehr hatte ich die Sicherheit gewonnen, dass dies so von der Stiftungsbehörde, die dem Regierungspräsidenten Düsseldorf unterstellt war, ganz offiziell mit einem Testat versehen wurde. Irgendwelche steuerlichen Konsequenzen gab es nicht.

Diese Meinung habe ich auch vertreten als es Jahre später zu einer Anzeige wegen Veruntreuung kam, und ich anlässlich zweier Befragungen durch die Oberstaatsanwaltschaft Düsseldorf dort selbst verhört wurde. Das Verfahren wurde denn auch eingestellt. Ich werde darauf noch zurückkommen.

 

Auch die Zuwendungen für Südtirol wurden nicht beanstandet. Es lagen immer Anträge vor, welche nach meinem Verständnis mit dem Stiftungszweck in Einklang standen, zum Beispiel Bergbauernhilfe, Studienhilfen, Südtiroler Heimatbund oder ein deutschsprachiges Telefon- und Branchenbuch für Südtirol. Ob die Förderung damals dort ankam, habe ich nicht angezweifelt und konnte ich auch nicht prüfen. Wer hinter den Vereinen oder Publikationen stand, wusste ich nicht. Erst als ich die Zeitschriften  „Aula“ und den „Klartext“ oder den Kalender der „Kameradschaft er ehemaligen Freiheitskämpfer“ einige Jahre später zugestellt bekam, wusste ich Bescheid. 

 

Ebenso wie ich, hatte aber auch Dr. Burger seine große Mühe, die Auszahlung der bewilligten Mittel zu erreichen. Ich kann nicht sagen, woran dies zu Lebzeiten des Stifters gelegen hat. Vielleicht waren ihm die Vorschläge von Dr. Burger nicht geheuer, oder war es, weil Herr Niermann mehrmals darauf hingewiesen wurde, dass die Zusammenarbeit mit Dr. Burger vom Innenminister von NRW und auch von der Stiftungsaufsicht, dem Regierungspräsidenten, sehr kritisch gesehen wurde. Jedenfalls trat Dr. Burger gelegentlich, das heißt in vier bis fünf Jahren wohl insgesamt viermal, an mich heran, um eine Zuwendung aus den für Eupen-Sankt Vith oder dem Elsass zugedachten Mitteln zu erbitten. Die Begründung war auch, dass er noch nicht einmal die Zahlung des Honorars für seinen Beratervertrag erhalten habe oder den Ausgleich für bestimmte Spesen. 

 

Nun war mir natürlich die Vergangenheit des Dr. Burger inzwischen bekannt, auch seit 1980 seine durchaus rechtsradikalen Meinungen in vielen Gesellschaftsfragen. Irgendwie schwelgte er stets mit viel Nostalgie im Vergangenen und war beseelt von dem Gedanken, auch für Südtirol eine Eigenständigkeit in freier Selbstbestimmung zu erreichen. Als Mensch hatte er ein durchaus freundliches, auch einnehmendes Wesen. Dem hatten ja wohl auch die Behörden in NRW folgen können, denn Dr. Burger war es schließlich, der die Verhandlungen mit der Behörde geführt hatte. Auch die Finanzbehörden hatten ihm nicht widersprochen, indem sie seinen Erklärungen zur Gemeinnützigkeit folgten.  Schließlich hatte auch ich mich seinem einnehmenden Wesen nicht entziehen können, war doch für mich eigentlich ausschlaggebend, dass wir für unsere Heimat Fördergelder aus der Stiftung erhalten konnten. Von Kumpanei zu sprechen, wie es Dr. Tondorf in dem Bericht zur Sachwalterschaft tat, ist nicht richtig, dazu gehört sicher mehr als sich nur zwei oder dreimal im Jahr zu treffen, 

 

Wenn ich auch Sympathie hege für die Bemühungen der deutschen Volksgruppe in Südtirol in ihrem Streben nach Autonomie und Selbstverwaltung, so  konnte ich Dr. Burger nicht folgen, da, wo ich Tendenzen zu rechtsradikalem Gedankengut erkannte. Dies kam insbesondere bei meinem Besuch in Kirchberg zum Vorschein, es kam aber auch später noch zum Vorschein durch die Wahl verschiedener Kuratoriumsmitglieder. Im Laufe der Jahre wurde das Verhalten des Dr. Burger immer dreister, ich war von meiner Seite deshalb froh, dass es noch gelungen war, mit Dr. Hubert Funk ein Mitglied aus unserer Heimat ins Kuratorium wählen zu lassen. Aber auch dies war, wie sich später herausstellte, nicht der eigentliche Glücksgriff. Als 1982 Dr. Merkel als Kuratoriumsmitglied zurücktrat, wurde dieser am 22.12.1982 durch Wilhelm Norhausen, einem Juwelier aus Düsseldorf, ersetzt. Dieser Vorschlag Dr. Burgers war ein erster Fehlgriff, der sich bitter rächen sollte. Aber dazu später mehr. 

 

 

Die zweite Staatsreform und die Nachwehen (1979-1981)

Zur Wiederholung: Mit der zweiten Staatsreform von 1980 wurden die drei Kulturgemeinschaften ganz einfach zu Gemeinschaften, der Flämischen Gemeinschaft, der Französischen Gemeinschaft und der Deutschsprachigen Gemeinschaft. Es wurden auch zwei Regionen gegründet, die Flämische Region und die Wallonische Region. Damit war der Kampf der siebziger Jahre eigentlich verloren. Dies warf auch bei mir natürlich die Frage auf, ob alles sinnlos gewesen war. Damals sah ich dies nicht, denn es stand auch jetzt schon fest, dass es eine weitere Staatsreform geben sollte, allerdings nicht in naher Zukunft.

 

Die Enttäuschung war natürlich auch im Verein sehr groß, und sicher auch bei der PDB. Es galt nun für die Zukunft, so viele  Kompetenzen wie möglich in den Zuständigkeitsbereich des Rates der deutschsprachigen Gemeinschaft zu holen. Hierzu waren Verhandlungen mit der Wallonischen Region notwendig und hier saßen die nationalen Parteien natürlich am längeren Hebel. Trotzdem gelang es der PDB („der treibenden Kraft“), diese anzutreiben. 1978 erhielt die PDB bei den Wahlen 30,1% der Wählerstimmen. Die Partei hatte erste Zuwendungen erhalten. In 1981 standen erneut vorzeitige Wahlen an. Über unseren Verein konnte die PDB wieder eine Zuwendung in ihre Wahlkampfkasse verbuchen, allerdings brachte es kein gutes Ergebnis. Die PDB fiel wieder leicht auf 29,4% zurück, behielt aber 7 Sitze. Erstmals waren auch unabhängige parteilose Jugendliche im Kartell der PDB verbunden. Größere Verluste verbuchte die CSP (6,4%) zu Lasten der PFF, die 8% dazugewann. Die SP verbuchte minimale Verluste. Die Koalition der nationalen Parteien blieb allerdings erhalten. 

 

Die Zeitschrift „Der Wegweiser“ hatte seit 1980 sein Format und sein Design geändert. Der Druck im DIN A4 Format war bunt und diente der Verbreitung im gesamten deutschen Sprachraum von Belgien und darüber hinaus. Dabei erhöhte sich auch die Auflage leicht auf knapp 240 Exemplare. Einige Male druckten wir mehr Exemplare um diese auch einem breiteren Publikum zu verteilen. Die Redaktion des „Wegweiser“ hatte zum größten Teil in den Händen von Heinz Schillings aus Eupen gelegen, hinzu kamen gelegentliche Beiträge von Dr. Funk und mir, oder auch Gastbeiträge, die wir anderen Veröffentlichungen mit Genehmigung entnommen hatten. Heinz Schillings hat mich durch die Schärfe seiner Analysen nicht nur beeindruckt, er hat mich teilweise begeistert, auch in der Argumentation, die er zu Felde führte, um die hiesigen „nationalen“ Parteien zu entlarven, und überhaupt um den gesamten Prozess der Staatsreform zu begleiten. Den Lesern des „Grenz-Echo“ war er durch zahlreiche Leserbriefe bekannt. 

 

Anders sah es hingegen bei Dr. Funk aus. Er war durchaus ein Kenner der gemeinschaftspolitischen Lage in Belgien  und schaffte es immer wieder, hohe Würdenträger oder Mandatsinhaber für die Sache der Autonomie unserer Gemeinschaft nach Eupen zu holen. Auf Betreiben des Deutschostbelgischen Hochschulbundes gelang es auch, andere flämische Parlamentarier für die Autonomiebewegung in Deutschostbelgien auf der Suche nach einem gerechten Platz im neuen Staatsgefüge zu sensibilisieren. So kam der Senator der Volksunie, Maurits Coppieters, gleich mehrmals nach Eupen. 

Tindemans war zum Beispiel am 26. Oktober 1971 nach Eupen gekommen, auf Einladung der Studentenvertretung. Für eine emotionslose, demokratische Debatte hierzu ist unsere Gemeinschaft auch heute noch nicht in der Lage.

 

Allerdings war es die Sprache des Dr. Funk in verschiedenen Beiträgen, die mir nicht behagte. Da ich verantwortlicher Herausgeber des „Wegweiser“ war, fiel deshalb einiges auf mich zurück, was ich selbst nicht zu verantworten hatte. Jedenfalls war ich auf diese Weise einer immer stärker werdenden Kritik ausgesetzt, die auch durch die Presse ging und mich in eine Ecke stellte, in der ich nicht sein wollte und wo ich auch aufgrund meiner Gesinnung sicher nicht hingehörte. Auch ich suchte für unsere Gemeinschaft eine Lösung innerhalb des belgischen Staatsgefüges, wenngleich ich auch einmal den Ausspruch getan habe, vielleicht etwas zu leichtfertig, dass man ja zum Rheinland zurückkehren könne, wenn der neue Staat uns nicht wolle. Auch war es für mich denkbar, im Rahmen eines Europas der Regionen, unsere Heimat eher dem Rheinland zuzuschlagen als der Wallonie. Mir wurde im Nachhinein klar, dass selbst diese Haltung bei vielen Mitbürgern alte Erinnerungen hochkommen ließ. 

 

Es waren wohl mehrere Faktoren, die zusammenkamen, jedenfalls ging der Gegenwind, um es mal gelinde auszudrücken, hinein bis in meine Verwandschaft. Ich war Beschimpfungen ausgesetzt, von denen ich glaubte, dass sie schon seit Jahren nicht mehr zum Sprachgebrauch gehören würden. Sie zeigten mir aber, dass in Deutschostbelgien die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit noch nicht stattgefunden hatte und eine Identität, ein Gemeinschaftsgefühl unserer Volksgruppe nicht vorhanden war. Aus diesen Gründen trat ich aus dem Volksgruppenrat aus, behielt aber meine Berufung im Kuratorium aufrecht. Zum einen war ich auf Lebenszeit berufen worden, zum anderen war es meine feste Überzeugung, dass mit der Förderung der Hermann-Niermann-Stiftung Hervorragendes geleistet worden war und auch in Zukunft noch geleistet werden konnte. Hierzu zählten insbesondere die Erwachsenenbildung und die Medienlandschaft. Mein Austritt wurde am 16.1.1982 vollzogen. Ähnlich wie bei Herrn Schillings zuvor, arbeitete ich nach wie vor mit am „Wegweiser“. 

 

Das Institut für Erwachsenenbildung InED war 1976 gegründet worden, und wenn meine Erinnerung mich nicht täuscht, setzte sich damals Dr. Rudi Pankert sehr für eine Förderung dieser Institution ein. Sie fand auch die Zustimmung des Stifters. Das InED konnte im Laufe mehrerer Jahre zu einem der führenden Einrichtungen für Erwachsenenbildung im ganzen Gebiet ausgeweitet werden. Zum Geschäftsführer wurde Alfred Keutgen bestimmt, der auch Sekretär der PdB war. In Belgien haben die Erwachsenenbildungseinrichtungen wohl alle eine politische Couleur, und so war es überall bekannt, dass das InED eine Einrichtung im Umfeld der PdB war. Wie bereits oben angedeutet, war jedoch die Versorgung des InED mit Fördermitteln durch die Stiftung keine leichte Sache, denn die Zahlungen des Stifters kamen nicht regelmäßig. Darum hatte ich auf den beiden bereits erwähnten Konten Rücklagen gebildet, um die Personalausstattung des Instituts durch regelmäßige Zuwendungen abzusichern. Dies war wahrscheinlich nicht zu 100 % mit gemeinnützigen, sprich steuerbegünstigten Regeln vereinbar. Im Rahmen der Auseinandersetzungen über die Hermann Niermann-Stiftung nach meinem Ausscheiden bescheinigte die Aufsichtsbehörde jedoch, dass der Nachweis für die Verwendung der Mittel die nach Eupen-Sankt Vith geflossen seien, letztendlich erbracht wurde. Die Sachwalterschaft wurde ja schrittweise aufgehoben.

 

Nachdem in Belgien auch die Rundfunklandschaft liberalisiert wurde, konnten auch dank der Förderung der Hermann Niermann-Stiftung freie Radiosender in Eupen und Sankt Vith aufgebaut werden. In Eupen war dies zunächst Radio Aktivität, in Sankt Vith war es Radio Hermann. Weder der Volksgruppenrat noch die Stiftung versuchten, irgendeinen Einfluss auf die beiden Radiosender zu nehmen, sie hatten über Jahre bestand und gingen später, als die Förderung nicht mehr gewährt werden konnte oder sollte, in anderen Rundfunkstationen auf.

 

Einige Aktionen hatten natürlich politischen Charakter, so die Unterstützung der Partei der deutschsprachigen Belgier, vor allen Dingen in Wahlkämpfen, und auch die Interventionen, die der Volksgruppenrat in den Bemühungen um eine möglichst weitgehende Autonomie der deutschen Kulturgemeinschaft in Belgien gehen sollte. Nach der ersten Verfassungsreform von 1970 sollte ja in 1980-1983 eine zweite folgen, mit der auch den deutschsprachigen Gemeinden, es waren deren jetzt nur noch neun nach der Gemeindefusion von 1976, als vierte Gemeinschaft in Belgien Autonomie gewährt werden sollte. Hierzu startete der Volksgruppenrat unter anderem auch eine Plakataktion auf großen Werbetafeln in Brüssel und bei uns in der Gegend. Auch haben wir regelmäßig Briefe an die Parlamentarier geschrieben und gelegentlich auch eine Pressekonferenz in Brüssel abgehalten. Somit konnten wir eine Meinung in die Gedanken der Presse und einer breiteren  Öffentlichkeit hinein projizieren, die etwas von den üblichen medialen und politischen  Meinungen abwich. 

 

Jedenfalls war die Meinungsbildung in unserer Heimat sehr polarisiert, die PdB (Partei der deutschsprachigen Belgier) wurde trotz guter Wahlergebnisse ferngehalten von den Schalthebeln der Macht, wenngleich sie sich doch selbst als treibende Kraft bezeichnete, was sie sicher auch war. Die politisch Andersdenkenden in Deutschostbelgien, inklusive der „nationalen“ Parteien, fanden erst langsam hin zu einer politischen Haltung, die sich mehr in Richtung Eigenständigkeit und Eigenverwaltung hin bewegte. Somit dauerte es dann auch bis zu den Wahlen 2004 bevor das Bündnis bestehend aus PDB/PJU, an der Regierungsverantwortung beteiligt wurde, bei gleichzeitigem Ausschluss der CSP, der stärksten politischen Kraft in unserer Gemeinschaft. Einer der Minister dieser Regierung war Oliver Paasch, der Sohn des früheren prominenten PDB-Urgesteins und ehemaligen Geschäftsführers der Stiftung, Lorenz Paasch. Als 2008 die freie Bürgerliste ProDG von Oliver Paasch gegründet wurde und sich 2009 an den Wahlen beteiligte, errang sie 17,5% der Stimmen und ist seitdem ständig Regierungspartei. Seit 2014 stellt diese Bürgerliste sogar den Minister-Präsidenten, dies ist erneut Oliver Paasch. Die Koalition besteht aus ProDG, PFF und SP. Die CSP als stärkste Kraft bleibt weiterhin ausgeschlossen, offensichtlich möchte keine der anderen Parteien mit ihr koalieren. Bei der ProDG handelt es sich um eine parteiunabhängige Bürgerliste. Zum Thema Eigenständigkeit steht im Wahlprogramm zu den derzeit geführten Diskussionen zum weiteren Umbau des Staates in Belgien: „... gleichberechtigter Partner zu bleiben setzt vor diesem Hintergrund auch die Bereitschaft voraus, für die DG das Statut einer vierten, gleichberechtigten Gemeinschafts-Region in Belgien einzufordern. ProDG bekennt sich eindeutig zu dieser Forderung und zur entsprechenden Resolution unseres Parlamentes vom 27. Juni 2011.“

 

Ein weiteres wichtiges Bemühen war es, für die Verwendung der Stiftungsförderung ein Netzwerk aufzubauen von Vereinen und Einrichtungen, meist Fortbildungseinrichtungen, die als förderungswürdig angesehen wurden. Diese Entscheidung wurde einzig alleine im Vorstand des Volksgruppenrates V.o.E. getroffen. Das geschah meist auf Empfehlung einiger führenden Persönlichkeiten im Eupener Land oder in Sankt Vith. Zu den geförderten Vereinen gehörten neben der Erwachsenenbildungseinrichtung InED in Eupen und den sogenannten Kreativen Ateliers in Kelmis, Raeren und der Eifel, auch andere Vereine und Einrichtungen wie den bereits erwähnten Rundfunkstationen. Einer dieser Vereine war die Theaterwerkstatt Agora. Weitere Fördergelder wurden als Studienbeihilfen gewährt für Studenten, die in Deutschland zu studieren gedachten. Allerdings waren einige Ansätze zur Förderung nicht erfolgreich, vor allen Dingen auch deshalb, weil die Finanzmittel nicht regelmäßig flossen. 

 


Die Janssens aus Hauset

Walther und Elka Janssen wohnten mehr als 40 Jahre mit ihren drei Söhnen in dem kleinen Ort Hauset, einem Ortsteil der Gemeinde Raeren in Ostbelgien. Vieles in dem Archiv unserer Webseite dreht sich deshalb um diese 40 Jahre gemeinsamer Erlebnisse, aber auch um die Zeit davor. Elka und Walther wohnen seit 2013 in Schleckheim, einem Stadtteil im Süden von Aachen. Die beiden ältesten Söhne sind mit ihren Familien in Hauset geblieben, der jüngste Sohn wohnt am Firmensitz der Janssen Cosmetics in Oberforstbach (Aachen).  Wir möchten die Privatsphäre schützen, deshalb reagieren wir gerne auf Hinweise. Wenn Ihr also Hinweise,  Fragen, Anregungen und Vorschläge oder Ideen habt, meldet Euch gerne  

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Detlev O. (Freitag, 01 Januar 2021 17:57)

    Lieber Walther, Du hast das Jahr 2020 sehr gut von allen Seiten beleuchtet. Immer ein Blick auch auf die Firma. Bleibt gesund