Die Gründungsphase der Niermann-Stiftung

1978-1982

Gründungsphase der Hermann-Niermann-Stiftung (1978-1980)

 

Politisch hatte sich allerdings bei mir Neues ergeben. Während ich meinen Einsatz im Volksgruppenrat auch aus zeitlichen Gründen einschränken musste, trat eine neue Herausforderung an mich heran. Es war dies meine Bestellung zum Mitglied des Kuratoriums der Gemeinnützigen Hermann-Niermann-Stiftung in Düsseldorf im Jahre 1978. 

 

Wer ist Hermann Niermann?

Hermann Niermann, geboren am 23.6.1905, war der einzige Nachfolger einer alteingesessenen Kaufmannsfamilie mit bedeutendem Immobilienbesitz und einem Ziegeleibetrieb in und in der Umgebung von Düsseldorf. Nach Abbruch seines Studiums in Königsberg 1934 übernahm er die Vermögensverwaltung des elterlichen Betriebs und Besitzes. 

 

Als ich im November 1978 Hermann Niermann in Düsseldorf kennenlernte, wusste ich noch nicht einmal das über seine vita. Über seinen Lebenslauf konnte ich mir erst fünfzehn Jahre später ein genaueres Bild machen. Ich stütze mich dabei auf die Studie eines Historikers, die von der Stiftung selbst in den neunziger Jahren im Zuge der „Niermann-Affaire“ in Auftrag gegeben wurde, um den Lebenslauf des Stifters zu erkunden. Die zweite Quelle sind die Angaben, die in dem 1997 vorgelegten „Bericht des Untersuchungsausschusses zur Hermann-Niermann-Stiftung“ (hiernach `Bericht´) enthalten sind. Der Ausschuss war ebenfalls auf dem Höhepunkt der „Niermann-Affaire“ vom Rat der deutschsprachigen Gemeinschaft eingesetzt worden. Schließlich stütze ich mich auf meine eigenen Erkenntnisse, die ich während der etwa zehn Jahre meiner Mitgliedschaft im Kuratorium der Stiftung anlässlich persönlicher Treffen, meist bei Sitzungen, und den vielen Gesprächen, meist telefonisch, gewonnen habe. Die sogenannte „Niermann-Affaire“, mit alle ihren Facetten, entwickelte sich erst nach meinem Ausscheiden aus dem Kuratorium im Jahre 1987. Für diese Zeit schildere ich im Folgenden also ausschließlich meine eigenen Eindrücke zu den Entwicklungen und Ereignissen. In dem Bericht wurde 1997, weitere zehn Jahre später, vieles über die Ereignisse des gleichen Zeitraums und über die mitwirkenden Personen wiedergegeben. Auf jeden Fall möchte ich jedoch meine eigene Sicht der Dinge schildern, ohne auf die Inhalte in dem Bericht einzugehen. Bei unterschiedlichen Interpretationen meinerseits werde ich diese hervorheben.

 

Mir war damals lediglich bekannt, dass Hermann Niermann über ein bedeutendes Immobilienvermögen verfügte. Einnahmequelle waren Einkünfte aus Mieten und Pachten sowie Zins- und Kapitaleinkünfte aus Aktien. Die bekannteste Immobilie war das Kaufhaus Horten in der Düsseldorfer Innenstadt. Der Aktienbesitz war nicht Bestandteil des Stiftungsvermögens. Auch war mir bekannt, weil er dies einmal erwähnt hat, dass er im Zuge seines Einsatzes im Grenzaufsichtsdienst ab 1941 im Baskenland Dienst tat, aber sich schon im Dezember 1942 in die Schweiz absetzte. Über die genauen Hintergründe dieses Schrittes hat er sich nie geäußert und so gibt es nur Vermutungen. Ich habe allerdings festgestellt, dass er über die Geschichte und Verhältnisse im Baskenland recht gut Bescheid wusste, übrigens auch über Südtirol und selbst über Eupen-Malmedy bzw. jetzt über Eupen-Sankt Vith, dies im Zusammenhang mit jüngsten politischen Entwicklungen. Dabei war wohl die Rheinische Post für ihn eine wichtige Quelle. Im Jahr 1948 verstarben seine Eltern, seine Mutter Elisabeth Nilges am 5.1.1948 und sein Vater Hermann senior am 8. April 1948. Für Hermann junior liegen deshalb auch Hinweise auf einen Aufenthalt in Düsseldorf in diesem Jahr vor. Ebenfalls bekannt war, dass er seinen Wohnsitz offiziell in Castagnola bei Lugano, also im Tessin hatte. Darüberhinausgehende Informationen zu seinem Lebenslauf habe ich erst Jahre später aus den beiden oben genannten Quellen entnommen, sowie aus einer weiteren Quelle, über die ich Ende der neunziger Jahre verfügte. Hierzu jedoch später mehr.

 

Natürlich hat mich der Gedanke beschäftigt, wieso Hermann Niermann eine Stiftung gegründet hatte und warum gerade eine Stiftung zur Förderung von Minderheiten? Mir kamen hierzu drei Erklärungen: seine Aversion gegen Steuern, ohne Zweifel die stärkste Triebfeder; seine eigene Erfahrung im Baskenland und die gezielte Einflussnahme durch seinen Berater Dr. Norbert Burger. 

 

Die Haupttriebfeder war für mich seine ‚spezielle‘ Einstellung zu einer sicher nicht immer leichten Bürgerpflicht, nämlich der, Steuern zu zahlen. Dies war auch nichts Neues in der Bundesrepublik der 50-er und 60-er Jahre, zahlreiche Unternehmer und Millionäre hatten im Tessin ihre Villa oder hatten ihren Wohnsitz ganz dorthin verlagert. So auch Hermann Niermann. 

 

Allerdings muss man auch sein Interesse für Minderheiten näher betrachten. Vielleicht war dies geprägt durch seinen Aufenthalt im Baskenland oder in der Schweiz. Niermann wusste aber auch über Belgien und das Elsass recht gut Bescheid. Und so kam es, dass von Anfang an, so wie ich es erfahren habe, nur Südtirol, Ostbelgien, das Elsass und das Baskenland für eine Förderung mit Stiftungsmitteln in Frage kamen. Dabei waren seine Äußerungen, so wie ich sie vernahm, nie rechtsradikal, nationalsozialistisch oder revanchistisch. Sie waren eher geprägt von dem Gedanken, dass den ethnischen Minderheiten in den sogenannten Nationalstaaten eine größtmögliche Autonomie gewährt werden solle, um den Frieden zu sichern. Zu diesen Ländern gehörten Italien mit dem deutschsprachigen Südtirol, Belgien mit dem deutschsprachigen Ostbelgien und Frankreich mit dem bereits weithin assimilierten deutschsprachigen Bevölkerungsteil im Elsass. Dazu gehörte für ihn aber auch in Spanien das Baskenland. Eine völkische Einstellung von Herrn Niermann konnte ich daraus nicht ableiten.

 

Herr Niermann selbst war, nach meiner Einschätzung und für die Zeit in der ich ihm begegnete, stets unauffällig aufgetreten und sehr sparsam. Dies muss wohl zeitlebens so gewesen sein. Im Umgang mit Mietern kam mir das auch manchmal ungerecht vor, zumal kleinste Reparaturen an Objekten zum Beispiel nicht übernommen wurden. Dies machte die Verwaltung seines Vermögens, auch für die Stiftung, nicht einfach. Auch Steuern zu sparen war für ihn eine ständige  Herausforderung. Deshalb hatte er seinen Wohnsitz ins Tessin verlegt. Sein Leben war ein einziger Kampf  mit allen möglichen Behörden, auch dem Finanzamt, bis in alle gerichtlichen Instanzen. Vielleicht sah er in der Gründung einer Stiftung den einzigen Ausweg, der Steuer zu entrinnen. Die Stiftung musste ihre Stiftungserträge dem Stiftungszweck zur Verfügung stellen und diese Erträge ausschütten. Nur dann konnte sie auf Dauer steuerfrei bleiben. Jedoch auch das fiel ihm schwer, wie die Entscheidungen auf einigen  Kuratoriumssitzungen beweisen würden.

 

Über die politische Gesinnung und Einstellung von Herrn Niermann habe ich aus seinem Munde so gut wie nichts erfahren. Er war jedoch sicher konservativ eingestellt. Dass politischen Absichten hinter seinen Fördergedanken eine große Rolle spielten, kann ich nicht bestätigen, egal was vielleicht anderweitig kundgetan wurde.  Bezeichnend war hierfür, dass er der Förderung der deutschen Volksgruppen aufgeschlossen gegenüberstand, und dies nicht aus nationalistischen Gründen. Vielmehr sah er hier die Möglichkeit, die verschiedenen Volksgruppen eines Staates in Gleichklang zu bringen, und dafür war Belgien ein gutes Beispiel. Es war seine erklärte Vorstellung oder sein Lösungsansatz, dass die deutsche Volksgruppe (die Begriffe Kulturgemeinschaft oder Gemeinschaft waren ihm ja noch nicht bekannt) innerhalb des belgischen Staates unter der Souveränität des Königs gestellt werden sollte. Dies hatte er auch mir gegenüber mehrmals in persönlichen Gesprächen angestoßen und zu betreiben versucht, so zum Beispiel, wenn er mich anrief und mich aufforderte, eine Petition an den König zu richten. Dies wurde dann auch über den Volksgruppenrat erledigt. Eine Verbindung zu nationalistischen Tendenzen wurde der Stiftung später im Rahmen der „Niermann-Affaire“ aufgrund der handelnden Personen nachgesagt, war für mich aber aufgrund der Gesinnung oder des Handelns durch den Stifter selbst nicht nachvollziehbar..

 

Wie entstand die Stiftung?

Mit diesen beiden Feststellungen, der Triebfeder Steuern und der Triebfeder Minderheitenschutz,  will ich nicht in Zweifel stellen, dass die Einflussnahme von Dr. Burger als dritte Triebfeder eine wichtige Rolle gespielt hat. Was die Gründung und Umsetzung des Projekts betraf, war es vielleicht sogar die entscheidende. Nur jemand der aus einem Holz wie Burger geschnitzt war konnte, so wie ich es erlebt habe, in Erfüllung seiner eigenen Vision, diese Mühen auf sich nehmen. 

Herrn Niermann wurde bei seiner Suche nach einem Fachmann für Minderheitenfragen Dr. Norbert Burger empfohlen. Dr. Burger erzählte selbst, dass dabei ein früherer Abgeordneter der Südtiroler Volkspartei (SVP) eine Rolle spielte. Als es daraufhin zu einem Treffen mit Niermann kam, muss Dr. Burger ganz zweifelsfrei seine große Chance gewittert haben. Ich habe dann auch in den folgenden Jahren keinerlei Anhaltspunkte darüber erhalten, dass Herr Niermann ihn wegen seiner rechtsradikalen Gesinnung ausgesucht hätte. Vielleicht waren ihm auch der Lebenslauf von Dr. Burger nicht bekannt oder auch nur gewisse Abschnitte. 

 

In Düsseldorf selbst hatte sich Hermann Niermann wohl eher schlecht als recht um die Verwaltung seines Vermögens gekümmert und daher eine permanente Auseinandersetzung vor allen Dingen mit den Finanzbehörden, aber auch mit allen städtischen Stellen und Personen, die in irgendeiner Form mit der Nutzung seiner Immobilien, seiner Mietshäuser und seiner Liegenschaften zu tun hatten. Steuerzahlungen zu mindern war wohl sein Mantra. Deshalb, so war ich schon damals überzeugt, ist ihm der Gedanke gekommen, sein Vermögen, oder zumindest einen Teil davon, in eine Stiftung einzubringen. Dies wäre aber auch sicher nicht möglich gewesen ohne die Einwirkung und Einflussnahme von Dr. Norbert Burger (Jahrgang 1929). Dass  Hermann Niermann, um dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen, sich als Berater Dr. Norbert Burger aus Kirchberg am Wechsel nach Düsseldorf holte, hat später viele Fragen aufgeworfen, so auch die Frage nach der politischen und gesellschaftlichen Einstellung des Stifters. Jedenfalls trat 1973 Dr. Burger in das Leben des Herrn Niermann, eben auf Empfehlung eines Abgeordneten aus Südtirol,  zu dem Hermann Niermann Kontakt aufgenommen hatte. Damit begann die Vorbereitung zur Gründung einer gemeinnützigen Stiftung im Land Nordrhein-Westfalen. Hier will ich durchaus unterstellen, dass es für Burger mehr als ein glücklicher Zufall war, dass sich Hermann Niermann mit einer Stiftung gerade den Minderheiten widmen wollte. Dabei erinnere ich mich an verschiedene Aussagen von Dr. Burger, wonach die Verhandlungen mit der Stiftungsbehörde über die Satzung sich natürlich auch um den Wortlaut derselben drehten. Es  sollte wohl auf jeden Fall vermieden werden, dass durch diese Stiftung außenpolitische Schwierigkeiten entstehen. 

 

Wenn ich allerdings in dem Bericht lese, dass Dr. Burger mit Hermann Niermann ein inniges Verhältnis hatte, so muss ich dem deutlich widersprechen. Nach dem was ich gesehen habe, hatte Herr Niermann zu niemanden ein inniges Verhältnis. Natürlich hatte Dr. Burger mit Herrn Niermann einen Beratervertrag abgeschlossen, aber aus vielen Begebenheiten weiß ich, dass selbst die Erfüllung des Beratervertrags für Niermann finanziell „schmerzlich“ war. Niermann brauchte Dr. Burger, um eine Stiftung überhaupt ins Leben zu rufen. Alleine wäre er dazu nicht in der Lage gewesen, und Dr. Burger war geduldig und klug genug, dieses Vorhaben im Laufe mehrerer Jahre mit Herrn Niermann umzusetzen. Da Herr Niermann sein Vermögen selbst verwaltete, hatte er hierfür keinen Steuerberater oder Vermögensverwalter, den er sich ja ohne Zweifel hätte leisten können. Zum persönlichen Einkommen von Herrn Niermann gehörten ausschließlich Einkünfte, die in Deutschland versteuert werden mussten. Auch die Einkünfte seiner Lebensgefährtin Margarete Sänger fielen kaum ins Gewicht, es war nicht mehr als das Einkommen einer Sekretärin. In den 50-er und 60-erJahren war dies wohl nicht anders gewesen, wie ich Jahrzehnte  später erkennen sollte. Herr Niermann und Frau Sänger pendelten zwischen Düsseldorf und Lugano, gemeinsame Ausflüge führten die beiden auch gelegentlich nach Limburg (Valkenburg) und in die Ardennen (Spa). Auch sind wiederholte Reisen zu den Kurorten in Deutschland dokumentiert, die oft auch mit näheren Verwandten von Frau Sänger durchgeführt wurden. Die meiste Zeit blieb aber dem Bemühen gewidmet, das Vermögen zu verwalten und zu mehren. Jedoch  durfte sich Herr Niermann nicht zu lange in Deutschland aufhalten, er hatte seinen Wohnsitz in Castagnola bei Lugano und wohnte in Düsseldorf bescheiden in Miete. Der Auflage bezüglich der Aufenthaltsdauer mag er in den sechziger Jahren durchaus nachgekommen sein, in den siebziger Jahren vielleicht schon weniger, wenn auch gelegentliche Reisen den Anschein wahren sollten. Mit beiden hat auch Dr. Burger Fahrten in die Schweiz, nach Österreich, nach Spanien und wieder nach Österreich unternommen. Sehr lange aufgehalten hat man sich dort nicht. 

Die Verwaltung des Vermögens war gekennzeichnet durch permanente Prozesse jeder Art, aufgrund dessen Niermann wohl mehr als beschäftigt sein musste. Alles geschah ja auf Sparflamme, mit geringsten Kosten wenn überhaupt. Reparaturen an Immobilien  wurden nicht oder nur in dringendsten Fällen erledigt, von Investitionen ganz zu schweigen. Sehr viel Zeit und Kraft muss ihm über Jahre die Vermarktung des Kaufhauses Horten gekostet haben, denn auch hier gab es stets Auseinandersetzungen ob der Miet- und Pachtzahlungen. Dieser Zwist war auch noch nicht erledigt als die Stiftung bereits bestand. Es kam damals zu einer Vereinbarung mit Horten an der Dr. Burger noch mitgewirkt hatte. Dass dieser dafür eine besondere „Provision“ erhalten hatte wurde vermutet. Später verdichteten sich die Anhaltspunkte, dass dem so war. 

 

Niermanns Lebensstil muss in den 70-erJahren eher bescheiden gewesen sein, aber er legte auch keinen Wert auf Luxus oder Überfluss. Hermann Niermann und Margarete Sänger lebten sehr zurückgezogen in Miete in der Goltsteinstrasse. Sein Leben wurde in den 80-er Jahren zunehmend gezeichnet von der Parkinson-Krankheit. Das daraus entstehende wechselhafte Verhalten bekam auch Dr. Burger zu spüren. Sowohl für sein Honorar, seine Spesen und auch für Zahlungen von Leistungen die er an Objekten vergeben hatte, musste er stets kämpfen. Sicher hatte Dr. Burger mit diesem Honorar und den Spesen sein Einkommen aufbessern können, aber dies war nicht seine Haupttriebfeder. Er hatte schon von Anfang an erkannt, das alles was er hier sah und erlebte eine einmalige Gelegenheit war, an seinem eigenen Lebensziel zu arbeiten, der Autonomie für Südtirol und der Wiedervereinigung Tirols. Dass dies auch mit seiner rechts-nationalen Partei NDP einherging, war nie Thema im Kuratorium.  

 

Die Chance an der Verwirklichung des Stiftungsprojekts zu arbeiten wollte Dr. Burger sich nicht entgehen lassen und er hat nicht nur in den Jahren der Stiftungsgründung, sondern auch während seiner Tätigkeit für den Stifter bis in die 80-er Jahre hinein versucht, in den 90-erJahren durch seine Mittelsmänner, in den Genuss dieser Fördermittel zu kommen und zu bleiben. Die spätere Sachwalterschaft und sein früher Tod 1992 machten ihm einen Strich durch die Rechnung.

 

Dr. Norbert Burger 

 

Aus einem Schreiben von Dr. Burger im Auftrag von Herrn Niermann vom 3.1.1975 an den Regierungspräsidenten von Düsseldorf geht hervor, dass Dr. Burger bereits im Frühjahr 1974 im Regierungspräsidium vorstellig geworden war. In dem Schreiben war der Entwurf der Stiftungssatzung enthalten. Dr. Burger war für Herrn Niermann der richtige Mann, diese Stiftung bei den Behörden durchzusetzen und er war doch klug genug, um dies auf Minderheiten abzustellen, mit all den Erwartungen, die er daran für die Zukunft knüpfen konnte. Dass Herr Niermann, nachdem er Dr. Burger kennengelernt hatte und nachdem der Regierungspräsident ihn vor Dr. Burger gewarnt hatte, trotzdem an ihm festhielt,  hatte meiner Meinung nach zwei Gründe: eine solche Warnung musste Herrn Niermann auf den Plan rufen. Er wollte sich nicht reinreden lassen, wer ihn berät. Zum anderen wäre es wohl unmöglich gewesen, Dr. Burger loszuwerden, selbst wenn er dies gewollt hätte. Einen Burger der diese Zukunftsmöglichkeiten sieht, konnte man nicht so leicht loswerden. 

 

Dr. Burger führte weitere Gespräche, die dann zur Genehmigung führten. Am 11.4.1978 genehmigte der Innenminister des Landes Nordrhein-Westfalen die gemeinnützige Hermann-Niermann-Stiftung, in der Hermann Niermann einen großen Teil seines Vermögens, wenn auch nicht sein ganzes, einbrachte. In der Nachbetrachtung kann man also feststellen, dass Dr. Burger einen großen Anteil daran hatte, dass die Gründung der Stiftung zustande kam. Hermann Niermann hatte sein Ziel erreicht, ein großer Teil seines Vermögens war nun „steuerfrei“, weiteres Vermögen blieb zu seiner Verfügung und diente als Einkommen oder schlummerte im Ausland. 

 

Wie aus vorliegenden Unterlagen und Dokumenten hervorgeht, war dem Innenminister des Landes NRW und auch dem Regierungspräsidenten von Düsseldorf als Aufsichtsbehörde der Stiftung durchaus die Brisanz bewusst, Dr. Norbert Burger im Umfeld der Stiftung zu wissen, auch als Berater des Stifters. Man konnte hier eine Beeinträchtigung der internationalen Beziehungen befürchten, da der Umgang mit ethnischen Minderheiten in vielen Staaten Europas Konflikte hervorruft. Und damals war der Eiserne Vorhang noch nicht einmal gefallen.  

Als Auflage für die Genehmigung der Stiftung war deshalb klar definiert, dass Dr. Burger in keinem Organ der Stiftung tätig sein durfte. Dies war denn auch offiziell so, wenngleich allen Behörden und Organen bewusst war, auch in späteren Jahren, dass Norbert Burger durchaus einen großen Einfluss auf die Tätigkeiten der Stiftung durchzusetzen versuchte. In den drei ersten Jahren nach Stiftungsgründung war es meiner Wahrnehmung nach so, dass Burger seinen Einfluss vor allen Dingen geltend zu machen versuchte für die Belange, von Südtirol und für seine eigenen Interessen, die sich wohl eher in den NDP-Kreisen in Österreich abspielten oder in den Vereinigungen, die mit der Südtirol-Vergangenheit in Verbindung standen. Recht schnell erkannte ich allerdings, dass der Stifter selbst nur Zuwendungen für solche Anträge zur Auszahlung brachte, die er für sinnvoll ansah und die in Einklang standen mit dem Stiftungszweck so wie er ihn verstand.  Dabei war schon von 1978 - 1980 mehrmals erkennbar, das Burger häufig mit Anträgen beim Stifter abblitzte, unabhängig davon, ob die Kuratoriumsmitglieder darauf eingingen oder nicht. Insofern muss ich von Anfang an den Stifter gegen jede Verdächtigung in Schutz nehmen, er habe wissentlich oder direkt rechtsradikale Personen oder Einrichtungen gefördert. 

 

Als ich Kuratoriumsmitglied geworden war, bekam ich nach und nach mehr Einblick in die vita des Dr. Burger und auch in seine Gesinnung. In den ersten Jahren bis 1980 habe ich ihn allerdings nur einige Male getroffen, die Sitzungen selbst eingeschlossen. Da er sehr redselig war, gab er natürlich einiges von sich, was ich nicht als meine Meinung hätte vertreten können. In Bezug auf die beantragten Förderprojekte beschränkte sich Dr. Burger auf solche, die im Kuratorium  nicht als rechtsradikale Umtriebe erkannt werden konnten. Ob die für Südtirol gezahlten Zuwendungen tatsächlich ihrer Bestimmung zugeführt wurden, entzog sich damals meiner Kenntnis. Erst etwas später kamen die Veröffentlichungen zum Vorschein, die mich eines Besseren belehrten. Es war für ihn der „Kampf für den Erhalt des Selbstbestimmungsrechts für Südtirol“. Diesen Kampf wollte er auch jetzt, und warum nicht mit Stiftungsmitteln, direkt oder indirekt fortsetzen. Viele Einzelheiten aus den 60-er Jahren habe ich auch erst erfahren, als dies in Veröffentlichungen in den 80-er und 90-er Jahren publik wurde. Informationen aus dem Internet gab es zu dieser Zeit noch nicht. Heute kann man natürlich alles in Wikipedia nachlesen.

 

Ich werde auf diese Betrachtungen noch mehrmals zurückkommen, denn ich möchte zumindest versuchen zu belegen, dass die Stiftung keine rechtsradikalen, nationalsozialistischen oder andere extremistischen Aktivitäten entwickelte oder förderte. In Ostbelgien hatte sich der Kreis der Mitwirkenden im Volksgruppenrat oder in anderen Vereinen oder Vereinigungen, stets über eine sinnvolle Mittelverwendung geeinigt. Im Nachhinein betrachtet war dies aber für Südtirol nicht leicht zu erkennen. Anträge für Eupen-Sankt Vith wurden von mir dem Stifter und dem Kuratorium vorgetragen und in fast allen Fällen wurden sie vom Kuratorium bestätigt und vom Stifter durch Auszahlung der Mittel vollzogen. Auch hierzu werde ich noch einiges in der Chronik der folgenden Jahre berichten. Anträge für Südtirol trug Dr. Burger vor, es waren unverfängliche Dinge, auch wenn sie mir und anderen oder dem Stifter manchmal nicht sinnvoll erschienen. Ob sie letztendlich so oder anders vom Stifter ausgeführt wurden, konnte ich nicht erkennen. 

 

Vorstand und Kuratorium

Der Vorstand der Stiftung wurde besetzt durch Hermann Niermann selbst, Stellvertreterin war seine Lebensgefährtin und Treuhänderin Margarete Sänger. Einen Geschäftsführer gab es zunächst lange Zeit nicht, wenngleich es Bewerbungen für diese Stelle gegeben hat. Das Kuratorium musste zusammengestellt werden, es waren fünf Personen vorgesehen. Ohne Zweifel wollte Herr Niermann diese selbst bestimmen. So hatte er zum Beispiel Volksvertreter in den Minderheitengebieten Südtirol und Ostbelgien kontaktiert.  Natürlich hatte ihm Dr. Burger dabei geholfen oder auch vielleicht beraten,  aber letztendlich musste Niermann selbst die Mitglieder ernennen. Das Gleiche galt auch für die Mitglieder aus Düsseldorf. Herr Niermann hatte aufgrund seiner jahrelangen Bemühungen und Auseinandersetzungen in der Vermögensverwaltung genügend Personen, deren Hilfe er brauchte, weil sie zum Beispiel in Düsseldorf für die Verwaltung der Liegenschaften von Bedeutung sein konnten. 

Auch hier hat Dr. Burger vielleicht seine Meinung eingebracht, aber die Entscheidung hat letztendlich Herr Niermann selbst getroffen, denn ich konnte nachher feststellen, dass diese Personen Herrn Niermann tatsächlich oft begegnet waren. 

 

In Belgien begann ja gerade in den 70-er Jahren, über verschiedene Verfassungsreformen hinweg, der ‚lange Marsch‘  von einem zentralistisch geführten Staat zu einem Bundesstaat spezieller Prägung. Darüber hatte auch Herr Niermann einiges gelesen, meist in der Rheinischen Post, und er wusste deshalb recht gut Bescheid. Informiert durch die deutsche Presse über die Autonomiebestrebungen in Belgien, hatte der Stifter Hermann Niermann also seine Fühler für die Besetzung des Kuratoriums seiner Stiftung auch nach Ostbelgien ausgestreckt. Dort hatte er sich, so wurde mir später berichtet, an den Senator Dr. Louis aus Sankt Vith erinnert, der den Eid auf die Verfassung im belgischen Parlament in deutscher Sprache abgelegt hatte, was auch im Rheinland durch die Presse ging. Senator Louis hatte aber wohl abgelehnt in der Stiftung mitzuwirken. Wer ihn angesprochen hatte und ob es richtig ist, dass ihn jemand angesprochen hatte,  kann ich nicht bestätigen, da ich es nicht weiß. Wenn es aber stimmt, dann sind mir auch Gründe für diese Ablehnung nicht bekannt. Jedenfalls kam in diesem Zeitraum Dr. Rudi Pankert aus Eupen mit Dr. Burger in Kontakt. Vielleicht hatte auch Dr. Louis nach seiner Ablehnung Dr. Pankert einen Hinweis gegeben, ich weiß es nicht. Dr. Pankert brachte dann meinen Namen ins Spiel. Ich kannte ihn aus der Autonomiebewegung um CUW und PDB und auch von gelegentlichen Leserbriefen im Grenz-Echo. Auch im Umfeld des Volksgruppenrats war er mir bekannt und durch viele politische Veranstaltungen. Dr. Rudi war allerdings nie zu den Sitzungen des Vereins gekommen. Dr. Rudi Pankert war von Beruf Chirurg und der Bruder von Reiner Pankert, dem Bürgermeister der Stadt Eupen. Dr. Pankert hatte im Volksgruppenrat (RdhV) keinerlei Funktion.  Er war der Nachbar und Schwager von Dr. Hubert Funk, der wiederum leitendes Mitglied des Volksgruppenrats war. Als engagierter politischer Bürger wirkte Dr. Pankert meist hinter den Kulissen, auch in der Partei, war erst Jahre später Mandatsträger. So kam es zu einem Treffen mit Dr. Burger in seinem Haus in Eupen Stendrich. Dies war im Frühjahr 1978, das genaue Datum weiß ich allerdings nicht mehr. 

 

Da nun Politiker wie Dr. Louis eine Berufung in das Kuratorium ablehnten, wurde ich zu dem Gespräch bei Dr. Pankert eingeladen.  Dort war auch Dr. Burger anwesend.  Wie Dr. Rudi Pankert später vor dem Untersuchungsausschuss des  Rates der deutschsprachigen Gemeinschaft (RdG) in Eupen erklärte, war dies wohl seine einzige Begegnung mit Dr. Burger. 

 

Persönlich traf ich Dr. Burger an dem Tag auch zum ersten Mal. Aus meinen Kenntnissen über die Autonomiebewegungen in Europa und der Welt (ich reiste zu der Zeit zu den Kongressen der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen (FUEV) und war auch Bezieher der Zeitschrift „Minority Rights Group“ aus London) war mir die Südtirol-Frage nicht unbekannt, ebenso eine Veröffentlichung von Dr. Burger zum Selbstbestimmungsrecht von Südtirol.. Alle Einzelheiten dessen, was sich in den sechziger Jahren auch im Zusammenhang mit der Person Burger abgespielt hatte, wusste ich damals nicht, es  sollte sich mir später eröffnen. Bei dem Treffen in Eupen war auch Dr. Funk anwesend.

  

Nach dem Gespräch bei Dr. Pankert gaben wir Dr. Burger zu verstehen, dass ich bereit sei, im Kuratorium der Stiftung mitzuarbeiten, sofern der Stifter mich zum Kuratoriumsmitglied ernennen würde. Im Volksgruppenrat hatten wir uns anschließend darüber beraten, welche Perspektiven die Stiftung uns eröffnen könne und dabei die Mitglieder des erweiterten Vorstands informiert.  Nach kurzer Zeit, es können zwei Wochen gewesen sein, rief Hermann Niermann mich an, um meine Ernennung zu bestätigen. Es solle demnächst die erste Kuratoriumssitzung stattfinden. Das dauerte dann allerdings noch bis zum Herbst.

 

Durch diese neue Aufgabe hoffte ich natürlich, dabei mitwirken zu können, um finanzielle Mittel zur Förderung der in Deutschostbelgien bestehenden Vereine und kulturellen, gesellschaftlichen und  sozialen Einrichtungen zu vermitteln. 

 

Bei meinem ersten Treffen mit Herrn Niermann erfuhr ich, das der Stifter wohl auch durch einen Beitrag in der Rheinischen Post, die regelmäßig über die Verfassungsreformen in Belgien berichtete, von mir erfahren hatte. Der Volksgruppenrat „fütterte“ die „Rheinische Post“  und andere Medienvertreter in Belgien und im Rheinland hin und wieder mit Nachrichten über die Staatsreform.

 

Das erste Kuratorium setzte sich zusammen aus Prof. Dr. Freiherr von der Heydte, Staatsrechtler; Dipl.-Ing. Hans Grassl, Unternehmer in Düsseldorf; Oberforstrat Baatz aus Düsseldorf; Dr. Hans Merkel (CSU) aus München und ich selbst, Dipl.-Kfm. Walther Janssen aus Hauset. Zu behaupten dieses Kuratorium setze sich „überwiegend“ nur aus rechtslastigen, nationalistischen Kräften zusammen, kann ich nicht bestätigen. Wenn für meine Person alleine die Tatsache, dass ich mich für die Autonomie Deutschostbelgiens im Rahmen der belgischen Verfassungsreform einsetzte, ausreicht, mich in diese Ecke zu stellen, dann wäre die Behauptung richtig. Ich habe mich allerdings stets dagegen verwahrt. Es war vor allen Dingen der Stil und die Wortwahl in Beiträgen aus der Feder von Dr. Funk im „Wegweiser“, dessen Herausgeber ich in den siebziger Jahren gewesen war, die mir gelegentlich vorgehalten wurden. Dies und die Anfeindungen aus einem Teil der Bevölkerung hatten mich später veranlasst, auch nachdem ich einen erklärenden Brief an den Journalisten Freddy Derwahl geschrieben hatte,  als Vorsitzender des Vereins zurück zu treten und aus dem Volksgruppenrat auszuscheiden.

 

Prof. Freiherr von der Heydte war sicher hinreichend bekannt und man wird ihn ohne Zweifel dem rechts-nationalen Lager zurechnen können. Er hatte ja auch ein spezielles Verhältnis zu unserer Heimat, war er doch in den letzten Kriegsjahren als Fallschirmjäger hinter den feindlichen Linien abgesprungen und bei Monschau in amerikanische Gefangenschaft geraten. Nach intensiven Befragungen in England und in Belgien wurde er aber 1947 von Belgien entlassen. Angeblich geläutert wurde er Professor für Staatsrecht und kannte sich auch im Völkerrecht sehr gut aus. Heutzutage ist natürlich alles im Internet nachzulesen, Ende der siebziger Jahre war dies nicht möglich. So muss ich annehmen, dass auch Herr Niermann seinen Werdegang nicht kannte und es liegt sehr nahe, dass er von Dr. Burger empfohlen wurde. So wie es sich mit der Ordensvergabe verhält war Prof. von der Heydte Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes. Er machte auf mich damals einen schon leicht verwirrten Eindruck, vielleicht war dies seiner Gesundheit geschuldet. 

 

Dr. Merkel war führendes CSU Mitglied und zu dieser Zeit Leiter des Büros von Bundestagspräsident Stücklen. Da er auch bei Professor von der Heydte promoviert hatte, ist zu vermuten, dass wohl beide von Dr. Burger dem Stifter empfohlen wurden. In seiner Dissertation, auch das erfuhr ich erst später aus dem Internet, hatte er abstruse Gedanken zum Anschluss Österreichs zu Papier gebracht. Er war CSU-Mitglied, wohl eher konservativ bis rechts einzuordnen, mehr wusste ich damals aber nicht. Dass Herr Niermann ihn ausgesucht haben könnte, glaubte ich nicht. 

 

Was nun die beiden weiteren Mitglieder betraf, nämlich Dipl.-Ing. Grassl und Forstrat Baatz, so waren sie durchaus dem Stifter bekannt, hatte dieser doch sowohl in Bauangelegenheiten als auch mit der schwierigen Verwaltung seiner Anwesen, gelegentlichen Kontakt zu diesen beiden Personen. Es ist aber wohl wieder Dr. Burger gewesen, der die beiden dann überzeugt haben mag, ihrer Ernennung als Kurator zuzustimmen. Ob die beiden, auch jeder einzeln betrachtet, über Dr. Burgers Vergangenheit Bescheid wussten, ist mir nicht bekannt. Burger war sehr redselig und hat sicher vieles auch ungefragt von sich gegeben, aber seine ganze Lebensgeschichte hat er sicherlich nicht erzählt. Von Grassl und Baatz habe ich auf den Sitzungen des Kuratoriums kein einziges politisches Wort gehört, aus dem ich ihre Gesinnung hätte erkennen können.  Gerade zu Beginn war der Stifter auch zu dominant, als das man ihm konfrontativ entgegen getreten wäre. Dr. Burger hatte ein einnehmendes Wesen, um seine Leute für seine Ziele zu begeistern. Bei allen Personen war wohl ein Motiv für ihre Mitarbeit, die mögliche Verfügungsgewalt über finanzielle Mittel der Stiftung. Ich vermute einfach, dass sich jeder seine Chance ausrechnete, etwas von dem Kuchen zu bekommen. 

 

Bei dem Bauunternehmer Grassl vielleicht die Möglichkeit, Immobilien der Stiftung sanieren zu können oder bei Forstrat Baatz die Nutzung irgendwelcher Ländereien. Bei mir war es ja das Interesse an der Förderung für Eupen-Sankt Vith, bei den beiden CSU-Mitgliedern konnte ich keine Motive erkennen. 

 

Die erste Kuratoriumssitzung fand am 17.11.1978 im Obergeschoss der Stiftungsadresse in Düsseldorf, Goltsteinstrasse 21, statt. Das „Büro“ war mehr als primitiv und das Ambiente schon der erste Schock für die Geladenen. Hier gab es einige primitive Stühle und einen ebenso einfachen Tisch, insbesondere für die hohen Herren aus Politik und Verwaltung eigentlich eine Zumutung. Dies entsprach aber dem Bild und der Einstellung von Hermann Niermann: Alles durfte nichts kosten, Ausgaben wurden nicht getätigt. Dr. Burger war als Berater des Stifters ebenfalls anwesend, er führte im Grunde durch diese „Veranstaltung“. Hermann Niermann war noch bei guter Gesundheit, doch waren erste Anzeichen seiner späteren Krankheit bereits erkennbar. 

 

Prof. von der Heydte wurde zum Vorsitzenden des Kuratoriums gewählt, ich selbst zum stellvertretenden Vorsitzenden. Alle fünf Mitglieder des Kuratoriums waren durch den Stifter auf Lebenszeit bestellt. 

 

Das Vermögen und die Mittel 

Dr. Burger gab nähere Erläuterungen zum Vermögen der Stiftung. Der Besitz des Herrn Niermann, den dieser in die Stiftung einbrachte, umfasste in und um Düsseldorf eine Reihe von Gebäuden, Immobilien und verschiedene Liegenschaften, die bei Stiftungsgründung mit einem Wert von 21 Mio. DM angegeben wurden. Der Wert wurde Jahre später allerorts als wesentlich höher vermeldet, sicher ist dabei der Verkehrswert gemeint. Die jährlichen Einkünfte aus Mieten und Pacht sollten etwa 1,5 - 2,0 Mio. DM betragen. Ob sich allen Kuratoriumsmitgliedern die Größe möglicher zukünftiger Vergaben erschloss, vermag ich nicht zu sagen, sicher hatten Dr. Burger und ich sie jedoch erkannt. Allerdings muss auch gesagt werden, dass schon gleich auf der ersten Sitzung festgehalten wurde, dass der Stifter jährliche Rückstellungen vorsehen wollte, um Verbesserungen oder Reparaturen an diesen Immobilien vorzunehmen. Dies geschah bereits 1978 ebenso wie in den Folgejahren. Somit wurden diese Erträge geschmälert und zur Verteilung kamen weitaus geringere Beträge. 

 

Da ich meine persönlichen Unterlagen und Konten nicht mehr zur Verfügung habe, berufe ich mich auf die Angaben im Bericht des Untersuchungsausschusses zur Hermann-Niermann-Stiftung (hiernach nur noch „Bericht“), denn die Zahlen wurden mehrmals geprüft. So kamen 1978 etwa 242.000 DM zur Auszahlung, 1979 etwa 340.000 DM und in 1980 dann doch 790.000.DM. Da diese Summen zum größten Teil für die Förderbereich Südtirol, Eupen-Sankt Vith, Elsass und Baskenland ausgegeben wurden, ist gleich folgendes zu bemerken: Es entstand von Anfang an eine große Diskrepanz zwischen dem was auf den jährlichen Sitzungen als Fördermaßnahmen  vorgeschlagen wurde und dem, was tatsächlich an Förderbeiträgen zur Auszahlung gelangte. Dies lag ausschließlich am Verhalten des Stifters. Für Ostbelgien war es so, dass ich die Abrufe bei Herrn Niermann stets so formulierte, wie sie auch im Vorschlag angegeben wurden: Pressearbeit - Wegweiser - Autonomiekampagne - und später dann auch Erwachsenenbildung - InED -  Studienbeihilfen - Radio Hermann, usw... Manchmal waren die Angaben auf den Überweisungsträgern auch detaillierter, ich gab sie von meiner Seite in meinen schriftlichen Abrufaufträgen so vor und sie wurden von Herrn Niermann auch so übernommen. 

 

Da das Jahresende nahte und die Stiftung schon seit April 1978 bestand, musste also auch auf der ersten Sitzung bereits über eine Mittelvergabe entschieden werden. In Deutschostbelgien hatte ich mich mit den Mitgliedern des Volksgruppenrats und gelegentlich anderen Personen in mehreren Kreisen zusammengesetzt, um eine aus unserer Sicht sinnvolle Verwendung zu finden. Es sollte die Pressearbeit sein, denn das Land stand im Umbruch. Als zweites hatten wir die Erwachsenenbildung ausgesucht, hier das PDB-nahe Institut für Erwachsenenbildung im deutschen Sprachgebiet V.o.E. (InED) und die kreativen Ateliers. 

 

Als drittes entstand der Gedanke einer Förderung von Studenten, die im deutschsprachigen Ausland studieren wollten. Welche Summe genau im letzten Monat des Jahres 1978 noch für den Bereich Eupen-Sankt Vith ausbezahlt wurde, kann ich mangels eigener Unterlagen nicht mehr feststellen. Wenn, wie im Bericht angegeben, in den Jahren 1978 bis 1986 jährlich in Deutschostbelgien etwa zwischen 130.000 DM und 300.000 DM zur Auszahlung kamen, so waren dies  in 1978 etwa 130.000 DM.   

 

Autonomiekampagnen

 

Mit dem Beginn der Stiftungsarbeit im Jahr 1978 wurde fast gleichzeitig in Belgien die Umwandlung des Zentralstaats in einen Föderalstaat über eine zweiten Verfassungsreform fortgesetzt. Die Reform fand im Jahr 1980 ihren Abschluss. Auch gab es im Jahr 1978 erneut Wahlen, wie schon 1977. In dieser Zeit der zweiten Verfassungsreform (1978 - 1980) begannen die Bemühungen verschiedener Druckgruppen, zu denen ich den Volksgruppenrat zähle, aber auch die Partei der deutschsprachigen Belgier (PDB) natürlich, irgendwie Einfluss zu nehmen auf die zahlreichen Verhandlungen, die stattfanden. Schon in der ersten Kuratoriumssitzung Ende 1978 und vor allem 1979, hatte ich für Eupen-Sankt Vith Vorschläge unterbreitet und Anträge gestellt. Der erste finanzielle Nutznießer war ohne Zweifel der „Rat der hochdeutschen Volksgruppe V.o.E.“. Die Fördermittel erlaubten es zunächst, das Organ der Vereins, die Zeitschrift „Der Wegweiser“ auszubauen und die gesamte Arbeit zu professionalisieren. Die Mittel dienten auch der Pressearbeit bei der belgischen und internationalen Presse sowie der Lobbyarbeit im Parlament, mit Kontakten zu den Abgeordneten und Senatoren, die über die Verfassungsreformen zu entscheiden hatten. Hinzu kamen Autonomie-Kampagnen schlechthin, mit  denen auch Politiker unterstützt werden sollten, die sich für die Autonomie einsetzten. Diese Unterstützung war nie eine persönliche, allerdings kam sie der PDB zugute, in deren Reihen diese Politiker agierten und die sich als einzige Partei für eine Autonomie des deutschen Sprachgebiets einsetzte. Diese Beträge wurden stets von den beiden Konten in Aachen abgehoben und persönlich an den Schatzmeister (Kassierer) übergeben.  

 

Im Jahr 1979 ist ein leicht höherer Betrag, etwa 150.000 DM ausgezahlt worden. Inzwischen hatte ich auch das Förderungswerk V.o.E gegründet, ein Verein über dessen Konto  die Studienbeihilfen abgewickelt werden sollten. Das Konto kam aber in den Folgejahren auch für andere Zuwendungen zum Einsatz.

 

Das Jahr 1980 ist das letzte in der Betrachtung in diesem Kapitel. In diesem Jahr kamen sicher etwa 240.000 DM zur Auszahlung. Es ist natürlich richtig, dass in der Zeit der zweiten Staatsreform, von 1978 bis 1980 also, die Autonomiekampagnen und auch Ausgaben für den Wahlkampf  direkt oder indirekt mit den Fördermitteln der Hermann-Niermann-Stiftung finanziert wurden. Es entstanden aber auch zu dieser Zeit neue Projekte, wie erwähnt die Erwachsenenbildung, die Kreativen Ateliers oder die freien Radiosender Radio Aktivität und Radio Hermann, die dank der Förderung der Stiftung komplett ausgestattet wurden. 

 

Ab Ende 1979 und initiiert von Dr. Funk, hatte auch die Förderung für das Elsass begonnen. Hier war an erster Stelle der René Schickele-Kreis Nutznießer. Der Verein setzte sich für die Einführung  der deutschen Sprache in den Grundschulen und im Kindergarten im Elsass und in Ostlothringen ein. Pfarrer Keppi aus Hagenau war Vorsitzender und der Verein gab auch die Zeitschrift  „Land un Sproch“ heraus.  

 

Interessant ist es auch einen Blick auf die anderen Förderbereiche zu werfen. 

 

Was Dr. Burger in den Kuratoriumssitzungen vorgetragen hatte, ist mir in Erinnerung geblieben. Er hatte wohl gemerkt, dass der Stifter sich vor allen Dingen am Zahltag vorbehielt, eine Auszahlung zu leisten oder auch nicht, egal was in den  Sitzungen beschlossen worden war. Für Südtirol war allerdings stets die Bergbauernhilfe dabei, die Pressearbeit mit den Zeitschriften „Aula“ und „Klartext“, später auch ein Kalender. Bergbauernhilfe war ein Dauerthema, welches allerdings nicht immer die Zustimmung des Stifters in der geforderten Höhe fand. 

Hinzu kam auch die Förderung der Südtiroler Schützen (die, laut Burger, keine Folklore seien wie im Rheinland) und des Südtiroler Heimatbunds, ähnlich wie die PDB in Ostbelgien, eine Partei für Südtirol, neben der Südtiroler Volkspartei (SVP).  Wieviel allerdings tatsächlich ausgezahlt wurde, wusste ich zunächst nicht. Dr. Burger hatte, wenn er vor Ort war, zwar mehr Möglichkeiten, auf den Stifter persönlich einzuwirken, aber er konnte seine Wünsche nicht immer durchsetzen und so blieb es bei den Schwerpunkten, die ich oben aufzählte und die ich bei einer Betriebskontrolle 1981 auch vorfand. Dabei war der „Heimatbund Südtirol“ eine Vereinigung, deren Mittelverwendung, ähnlich wie beim Volksgruppenrat, ja durchaus unterschiedlichen Empfängern zugeleitet werden konnte. Mir ist aufgefallen, dass auch andere Zwecke Berücksichtigung fanden, von denen nie gesprochen wurde. Als Herr Niermann Beihilfen für Studierende aus Belgien auszahlte, bemühte sich auch Dr. Burger um solche für Südtirol. Erst Jahre später, bei der Prüfung durch den Sachwalter,  wurde angezweifelt, dass diese Zahlungen die Empfänger erreichten. 

 

So hatte sich Dr. Burger zum Beispiel 1980 bei der Bundespräsidentenwahl in Österreich als deutsch-nationaler Kandidat beworben und 3,2 % der Wählerstimmen erhalten, in etwa 130.000 Stimmen.  Dass Stiftungsgelder in diesen Wahlkampf geflossen sind, erfuhr ich Monate später aufgrund der Redseligkeit von Dr. Burger selbst. Ich erkannte, dass es sich  bei dem Kandidaten, so wie auch bei der NDP eindeutig um eine Person und eine Gruppierung handelte, die dem rechts-nationalen Spektrum zuzuordnen waren. In meiner Meinung wurde ich dann noch bestärkt, als meine Familie sich anlässlich des Urlaubs 1980 drei Tage bei Familie Burger in Kirchberg am Wechsel aufhielt. Im Grunde war Dr. Burger umgeben von einem Kreis rechtsradikaler oder deutschnationaler Aktivisten, die sein Tun und Handeln bestimmten und ihn als den Heilsbringer ansahen. Ich habe ihm nach der Reise meine eigene Einstellung hierzu vorgebracht und dass ich die Stiftung gefährdet sähe, wenn er diese Aktivitäten fortführen würde. Danach tauchte bis 1985 eine direkte politische Beteiligung Burgers nicht mehr auf. 

 

Geld zu Wahlkampfzwecken

In den Jahren kurz vor der zweiten Verfassungsreform betrachtete ich es als ein Geschenk des Himmels, dass die Streiter für die Autonomie in Ostbelgien über finanzielle Mittel verfügen konnten. Das der Volksgruppenrat dabei nur eine kleine Rolle spielte, war mir eigentlich klar, die Auseinandersetzung um und die Feindseligkeiten mit denen der Verein überzogen wurde, waren die bittere Folgen dieser vor allem medialen Bemühungen. Anders verhielt es sich natürlich mit der PDB. Obschon für die Wahlen der Jahre 1978 und 1981 eine finanzielle Unterstützung floss, glaube ich nicht, dass sie ausschlaggebend war für den Erfolg der Partei.

 

Zur damaligen Zeit habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, ob es verwerflich sei, dass gerade Geld aus der Bundesrepublik Richtung Belgien floss, um Einfluss auf das politische Geschehen zu nehmen. Zunächst war das Geld ja aus meiner Sicht sauber, stammte nicht aus dubiosen Quellen und ich sah auch keine Absicht des Spenders, hier etwas in einem extremistischen Sinne erwirken zu wollen. Dass es zwischen den beiden Kriegen auch einmal finanzielle Zuwendungen gegeben hatte um Vereine und Organisationen im Sinne einer „Heim ins Reich“-Bewegung zu beeinflussen, war mir zu dieser Zeit nicht geläufig. Im Nachhinein kann ich allerdings verstehen, dass dies bei nicht wenigen Menschen Erinnerungen wachrief, zumal diese früheren Begebenheiten mir nach und nach bewusst wurden. 

 

Trotzdem lagen die Dinge in den Siebzigern etwas anders. Weder die Bundesrepublik selbst, noch irgendwer von deutscher Seite mischte sich in die Angelegenheiten in Belgien ein. 

 

Deshalb blieb es bei meiner Einstellung und ich muss sagen, dass auch seitens der PDB keine Vorbehalte angemeldet wurden. Jahre später gab es mal Äußerungen in diesem Sinne, ich meine aber eher aus scheinheiligen Gründen oder weil man in tiefen Auseinandersetzungen steckte aufgrund der sich entwickelnden Niermann-Affaire. Ende siebzig oder Anfang achtzig war es eben der gute „Onkel Hermann“, der einige Summen zur Verfügung stellte. Politische oder moralische Bedenken habe ich nicht vernommen. 

Überrascht war ich trotzdem von der Heftigkeit der Reaktion in Ostbelgien und darüber hinaus, mit welcher der Volksgruppenrat förmlich überzogen wurde, heute würde man sagen, welchen „shitstorm“ dies auslöste. Nachdem auch durch die zweite Verfassungsreform die uns selbst gesetzten Ziele einer eigenen Region nicht erreicht wurden, setzte auch bei mir ein Umdenken ein und als dann in den frühen 80-er Jahren auch die ganze Auseinandersetzung persönlich wurde, zog ich daraus meine Konsequenzen. Hierzu aber später mehr. 

 

 

Auch nach 1981 und der zweiten Staatsreform gingen die Öffentlichkeitsarbeit und die Autonomiekampagnen weiter, es standen ja stets Wahlen an und eine dritte Verfassungsreform sollte folgen. Fortan wurden die Mittel jedoch in die kulturellen und gesellschaftspolitischen Projekte gesteckt, und hier an erster Stelle in das InED, dem Institut für Erwachsenenbildung, in die freien Rundfunksender, die Kreativen Ateliers oder, im kleineren Maßstab, auch in einige Dachverbände. Auch hier habe ich nie Bedenken gehört wegen der Zuwendungen aus Deutschland, auch nicht bei jungen Leuten, die mich und die Tätigkeit des Vereins durchaus kannten. Da ich selbst nicht die Vermutung oder den Eindruck entstehen ließ, dass diese Förderung etwas mit dubiosem Rechtsradikalismus oder Nationalsozialismus zu tun habe, fühlte sich jeder Empfänger durchaus sicher. Besonders die Tatsache, dass keinerlei Auflagen gemacht wurden, schien nur Anerkennung zu finden, auch Jahre später im öffentlichen Diskurs. 

 


Die Janssens aus Hauset

Walther und Elka Janssen wohnten mehr als 40 Jahre mit ihren drei Söhnen in dem kleinen Ort Hauset, einem Ortsteil der Gemeinde Raeren in Ostbelgien. Vieles in dem Archiv unserer Webseite dreht sich deshalb um diese 40 Jahre gemeinsamer Erlebnisse, aber auch um die Zeit davor. Elka und Walther wohnen seit 2013 in Schleckheim, einem Stadtteil im Süden von Aachen. Die beiden ältesten Söhne sind mit ihren Familien in Hauset geblieben, der jüngste Sohn wohnt am Firmensitz der Janssen Cosmetics in Oberforstbach (Aachen).  Wir möchten die Privatsphäre schützen, deshalb reagieren wir gerne auf Hinweise. Wenn Ihr also Hinweise,  Fragen, Anregungen und Vorschläge oder Ideen habt, meldet Euch gerne  

 

dialog@waltherjanssen.eu  


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Kommentare: 1
  • #1

    Detlev O. (Freitag, 01 Januar 2021 17:57)

    Lieber Walther, Du hast das Jahr 2020 sehr gut von allen Seiten beleuchtet. Immer ein Blick auch auf die Firma. Bleibt gesund